Donnerstag, 13. Juni 2013

Mögen die Spiele beginnen!

Es ist mal wieder soweit! Für jede Menge Brot und Butter trifft sich eine handverlesene Schar an Ausnahmehandwerkern in Tempelhof um sich im fairen Wettstreit zu messen. Möge das Kabel mit uns sein!

Mittwoch, 12. Juni 2013

Frisch gelesene Bücher: Die Differenzmaschine

Lange, sehr lange zog sich die Lektüre dieses Buches hin. Dabei quälte ich mich nicht, sondern, so merkwürdig das klingt, ich brauchte diese Zeit einfach. Denn der Stoff ist so großartig wie ausladend. Wenn ich als Liebhaber von Alternativgeschichten gleichermaßen auch ein großer Freund der Eisenbahn bin, sollte meine Nähe zur Stilrichtung des Steampunks offensichtlich sein. So lag dieses Buch schon seit Ewigkeiten auf meiner Wunschliste und daher nicht mal so nebenbei gelesen.


Um sich in dem hier zusammengeschraubten Universum heimisch zu fühlen, sah ich mich verpflichtet, einiges über angeschnittenen Biographien und Erfindungen nebenher querzulesen. Zwar kommt einem die Welt reichlich bekannt vor – wir befinden uns im England des 19. Jahrhunderts, die Industrialisierung schmaucht an allen Ecken – und doch ist alles irgendwie anders. Byron hat nicht nur überlebt sondern hat als Premierminister Englands mit anderen Wissenschaftlern eine “Diktatur der Vernunft” etabliert. Die Dampfkraft ist das beherrschende Element dieser Welt und Amerika ist eine zersplitterte Ansammlung von Chaos.

Die Geschichte, die innerhalb dieser aufreizenden Kulisse erzählt wird, gehört dabei vielleicht zu den schwächeren Faktoren, die dieses Buch ausmachen. Es geht hier prinzipiell darum, dass der Mensch auch in diesem Umfeld derselbe geblieben ist und mit seiner Neigung zu Gewalt und Gier diese konstruierte Gesellschaft an den Rand des Abgrunds führt. Ein interessantes Buch, welches zu der seltenen Gattung jener Bücher gehört, die schwer zu lesen aber dabei dennoch lohnenswert sind.

Samstag, 25. Mai 2013

Happy Towel Day!

Es ist mal wieder soweit – zückt eure Handtücher und hinaus in die Welt! Und irgendwie ist es an so einem regnerischen Tag ja auch mehr als angebracht. Was die Weisheit der Adams’schen Erkenntnisse einmal mehr unter Beweis stellt. In diesem Sinne!

Donnerstag, 23. Mai 2013

Kackblog

Manchmal, aber nur ganz manchmal frage ich mich ja wohin die geistige Reise des Internets so führen wird. Jüngstes Beispiel hierfür war die Entdeckung eines Blogs auf welchem sich Menschen mit ihren kackenden Hunden präsentieren.



An sich ja mal eine Abwechslung im ewigen städtischen Hickhack, wo der beste Freund des Menschen, so er seine Notdurft verrichtet, weniger Sympathie genießt als ein Aschenbecher am Kinderwagen. Dennoch... 

Samstag, 4. Mai 2013

Frisch gelesene Bücher: Backup und Upload

Irgendjemand meinte einmal, dass Science-Fiction stets als Spiegel der Epoche, in der sie entstanden ist, zu verstehen wäre. Demgemäß scheint es uns gegenwärtig nicht unbedingt gut zu gehen. Abgesehen von dem unübersehbaren Anwachsen eskapistischer Gedankenspielereien des Fantasysektors sind die verbliebenen SF-Früchte unserer Zeit fast ausnahmslos düster und apoklalyptisch. Schließlich ist auch der Hype um Zombies in diesem Lichte zu sehen.

Die Werke von Cory Doctorow sind diesbezüglich eine überraschende Ausnahme. Der kanadische Autor, besser bekannt durch sein seine Co-Autorenschaft beim überaus hochwertigen Blog boing-boing, vermag es, in seinen Büchern tatsächlich eine positive Zukunftsvision zu entwerfen. Wirklich erstaunlich.

doctorow 

Ohne jegliche Apokalypse, Zombieattacke oder sonstiges übles Resultat unseres gegenwärtigen Wirkens leben die Menschen in der Zukunft fröhlich vor sich hin. Nachdem sie sich kurz vor knapp noch einmal besonnen und die Zügel herumgerissen haben. So sind sie in der Lage all die Segnungen der Technologie auch wirklich zu Gunsten der gesamten Menschheit zu nutzen und den gemeinschaftlichen Fortschritt in ungeahnte Höhen zu treiben. Ja, ich weiß, klingt ein wenig platt und nicht sonderlich reizvoll. Erstaunlicherweise ist dem aber nicht so. Natürlich sind beide Bücher zweifelsfrei als Schmöker zu verstehen. Ist aber mal auch nicht so schlecht. Ich jedenfalls hatte meinen Spaß und werde Doctorow auf jeden Fall weiter im Auge behalten, bzw. ein weiteres Buch von ihm liegt bereits auf dem Nachtschränkchen.

Anzumerken sei außerdem noch, dass der Autor nachgerade vorbildlich all seine Werke als ebooks frei zur Verfügung gestellt hat. Und das in einer überaus faszinierend reichhaltigen Auswahl an Formaten. Daher bin ich nun in der Lage hier den digitalen Leseclub zu eröffnen. Lasst uns bis zum nächsten Mal gemeinsam dieses Buch hier lesen und dann darüber reden. Bis dahin!

Mittwoch, 24. April 2013

Hallo mal wieder, Belarus!

Lange nix mehr gehört von einander, gell?! Und immer wieder bin ich überrascht bei welch absonderlichen Angelegenheiten du mir dann doch unvermittelt ins Auge fällst. Als ich nämlich eben so mir nichts dir nichts durch die prächtigen Informationsweiden des Weltnetzes wandelte, blieb mein Blick auf einer Analyse der verbreitetsten Browser auf unserem Planeten hängen. Und was sah ich da?! Du, Belarus, bist hier eine rote Insel im irrlichternd flackernden Meer der baldigen Chrome-Weltherrschaft.

Nur bedeutet das diesmal nicht das übliche Alleinstellungsmerkmal. Nein, es steht tatsächlich für eine Dominanz von Opera in deinem kleinen Herrschaftsbereich. Ich bin entzückt, aber auch ein wenig verwirrt. Wie kommt's, muss ich jetzt einfach mal direkt fragen? Ich meine, mich musst du nicht überzeugen, ich favorisiere Opera trotz aller Stolpersteine von jeher. Aber was hast du für Gründe?

Ach und wenn wir schon dabei sind. China - altes Haus - was ist denn da los? Den ollen Explorer?!! Da kann es sich doch nur um eine gewiefte Verschleierungstaktik handeln oder wie ihr Weltmachtsaspiranten das auch immer nennen mögt.
 

Sonntag, 21. April 2013

Frisch gelesene Bücher: Sterntagebücher

Es geschieht selten genug, dass man durch Film und Fernsehen zum Lesen angeregt wird. Im Falle der unglaublich genialen Adaption von Stanislaw Lems “Sterntagebüchern” durch - man höre und staune – das ZDF, ist dem aber zweifellos so. Nach erstem Genuss dieser Serie sah ich mich wirklich in einem entgeisterten Zustand. Was hier gewagt und umgesetzt wird, erscheint in einem solch singulären Glanz, dass man anfangs an den eigenen Sinnen zweifeln möchte. Kulisse und Ausstattung sind derart dreist, dass man nur noch mit den Ohren schlackern kann. Diesem lässigen Prinzip folgend, versucht man hier das das gesamte anarchische Potential, welches in der Vorlage steckt herauszukitzeln. Ein gewagter Versuch, der auch sehr leicht hätte daneben gehen können. Speziell der slawische Akzent des Ijon Tichy ist schon sehr überspitzt und an der Grenze des Erträglichen. Doch alles in allem kann man diese Verfilmung nur bejubeln und nach mehr gieren. 


Ijon Tichy Raumpilot - Kosmische Kollegen von MrSpinnert

Daher musste hierauf auch unbedingt mal wieder ein Blick in jenes Buch riskiert werden, welches ich in frühester Jugend bereits mit Begeisterung verschlungen hatte. Ich sah mich keineswegs enttäuscht. Die Erlebnisse des fröhlich durchs All tingelnden Ijon Tichy sind ebenso sprühend und überbordend an Ideen und wahnwitzigen Einfällen, wie ich sie in Erinnerung hatte. Vielleicht ermöglichte das zweite Lesen einen besseren Blick auf die tiefergehenden Fragen, welche in den meisten der humoristisch daherkommenden Geschichten innewohnen. Episoden wie bspw. die Waschmaschinentragödie oder die Geschichte des Großen Kalkulators sind in ihrer vielschichtigen Frische einfach nur einzigartig.

Einmal mehr verliert für mich der Rang des Literaturnobelpreises an Wert angesichts des Umstands, dass Lem diesen Preis nie erhalten hat.

lem

Und mal nebenher: Wat ein schickes Cover, oder?! Das Auge liest ja bekanntlich mit…

Mittwoch, 17. April 2013

Belfast - Reisesplitter

Erneut zog die Karawane von den Rängen der Försterei hinaus in die weite Welt. Aller zwei Jahre so scheint es, wird mit immer quälenderer Mühe eine Wette kreiert, welche die Mission hat, alle Beteiligten gemeinsam in die Ferne zu verfrachten. Der Anspruch hinsichtlich der Auswahl des Reiseziels ist dabei gleichermaßen hoch wie dem Zufall verpflichtet. Dieses Mal sollte es nach Belfast gehen. Nach ausgiebigen Portionen Osteuropas, garniert mit Schnupperkursen des belgischen Savoir-vivre ein gewaltiger Schritt. Exotisches Neuland lockte.

Doch zuvor war der Weg das Ziel. Vier Züge, ein Schiff und ein Tunnel wollten erlebt werden. Allein in Bezug auf die Anreise verfügt dieser Ausflug wohl über etliche Alleinstellungsmerkmale. Da auf dem Rückflug auch die eher prosaische Fortbewegung des Fliegens genutzt wurde, waren alle Bewegungsmöglichkeiten im Einsatz. Der Eurotunnel verdient an dieser Stelle eine gesonderte Erwähnung. Dieser knapp 50 km lange Tunnel sowie der dazugehörige Zug beeindruckte mich zutiefst. In weniger als zwei Stunden rauscht man wie besinnungslos auf die Insel zu. Welch imponierende Schaffenskraft steckt hinter diesem Projekt?! Allein der Zug!

Schnieke glitzert er verlockend dem faszinierten Fahrgast entgegen. Völlig ergeben sollte ich die Reise erleben. Kein Schritt durch den Bauch des Wunderwerks sollte erfolgen. Hier ist wohl eine Wiederholung fällig!

Von Fachleuten wird der Zug oftmals als der komplizierteste Zug der je gebaut wurde, bezeichnet. Der Eurostar ist in der Lage sowohl Stromschienen als auch Oberleitungen zu verwenden, wobei er bei letzteren kein Problem mit unterschiedlichen Spannungen hat (25 kV, 50 Hz Wechselstrom, 3 kV sowie 1,5 kV Gleichspannung).  Hinsichtlich Höhe und Breite musste an das kleinere Lichtraumprofil Großbritanniens gedacht werden und das ursprüngliche Modell deutlich eingeschrumpft werden. Außerdem beherrscht der Zug alle drei Signalsysteme der befahrenen Länder - ein wahrhaftes Prunkstück der Eisenbahnerwelt. Und wohin fährt er?! In das Purgatorium des Schienenverkehrs - die schillernd chaotische Privatisierungshölle dessen was einmal das Mutterland der schönsten Fortbewegungsart der Welt war.

Fast ausschließlich Übles hört man seit den verheerenden Auswirkungen der Beeching-Axt vom britischen Eisenbahnsystem. Dergestalt Schreckliches hatte ich erwartet. Doch wie so oft übertrumpft das Miststück Realität jenes naive Ding namens Vorstellung.  Die erste Reaktion auf unser Vorhaben nach Belfast per Bahn, bzw per SailRail fahren zu wollen, stieß auf die entgeisterte Gegenfrage, ob wir nicht doch lieber fliegen wollten. Wohlgemerkt, ein Mann der Bahn meinte dies. Wenn man jene in Virgin-Diensten stehende Kreatur wohlmeinend so bezeichnen möchte. Auf die Bestätigung unseres Ansinnens folgte eine zähe Recherche verschiedener Mitarbeiter, die in erschreckender Weise von Unkenntnis und Ahnungslosigkeit geprägt war. Als wir nach geraumer Zeit endlich die unscheinbaren Tickets in den Händen hielten, stöhnte der armen Mann, dass er in 30 Jahren noch nie ein solches Ticket ausgestellt habe. Armes England...

Darauf verlief die Reise erstaunlicherweise ohne besondere Vorkommnisse und bald schritten wir dem Belfaster Morgengrauen entgegen. Was habe ich nun aus den darauffolgenden sechs Tagen mitgenommen?! Knifflige Frage. Doch zunächst einmal zum Grundgefühl: In Belfast herrscht Friede. Freundliche, leidenschaftliche Menschen allerorten. Eine überraschend angenehme Fußballszene (hierzu in angemessener Ausführlichkeit des Fachmanns Analyse), ein intakter und halbwegs preiswerter öffentlicher Nahverkehr (Nordirland - verstaatlichte Eisenbahn - bloß keine Schlüsse ziehen!) und teuer Bier.

Was hatte ich mir vorher vorgestellt? Mein Bild von Belfast war geprägt von angegrauten Nachrichtenbildern der Gewalt und des Terrors. Bislang sah ich nie die Notwendigkeit mich näher mit dieser Problematik zu befassen, da meine Reisekreise der Vergangenheit diese Region gekonnt umspielten. Im Angesicht der nahenden Gruppenexpedition im Namen der Belle Époque las ich nun anfangs neugierig und mit der Zeit immer bestürzter von einem Konflikt, der diesen Landstrich und insbesondere Belfast über mehrere Jahrzehnte in ein irrationales Zahn-um-Zahn-Universum verwandelte. Nach Ansicht des Objekts blieben Fragen, aus irritierenden Antworten wurden weitere Fragen, welche sich in Unklarheit und Meinungsverschiedenheiten in respektabler Größenordnung mauserten.

Wenn doch mal alles so einfach wäre... Bewundernswert grenzdebile Einschätzung einer Wandmalerei auf der Shankill Road.

Eingangs meinte ich bereits, dass in Belfast Frieden herrschen würde. Dies war durchaus mein Eindruck. Doch die Spuren der Vergangenheit sind unübersehbar. Die Fahnen, welche übereifrig an zahlreichen Häusern auf die Einstellung des Hauses hinweisen, Hinweisschilder an Pubs die kategorisch auf Aus- oder Abgrenzung bestehen. Doch was vielleicht mehr als alles andere deprimiert und die Abgründe der Vergangenheit aufzeigt, sind die mächtigen Zäune und Mauern, die zwischen den Vierteln darauf achten, dass die Bewohner dieser Stadt nur ja nicht zusammenkommen, weil sonst... Tja, weshalb eigentlich?

Ein Mahnmal der Intoleranz, UNESCO-Weltkulturerbeverleiher bitte übernehmen Sie! 

Dass jene bis in die Gegenwart hinein allzu oft scheinbar jede Gelegenheit nutzen um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, steht außer Frage. Aber warum? Dies Frage trieb uns an einigen Abenden um. Klar, man könnte man meinen, dass es sich hier um einen glasklaren Religionskonflikt handele. Katholen auf der einen, Ketzer auf der anderen. Dazu noch eine Brise historische Besatzerwürze und fertig ist der Lack. Diese Ansicht ist verlockend und wird dem halbherzig Interessierten daher mit Vorliebe serviert. Auch ich nutzte annodazumals mein passives Viertelwissen um im Abituraufsatz zum Thema "Nathan der Weise" den Nordirlandkonflikt heranzuziehen um die Sorgen des alten Mannes möglichst anschauungsreich und altklug zu bebildern. Doch ist es wirklich so einfach? Nein, wie üblich ist dem nicht so.

Der Nordirlandkonflikt, oder "The Troubles" wie er auf den Inseln genannt wird, kann selbstverständlich nicht losgelöst von seiner Vorgeschichte betrachtet werden, doch versteht man unter ihm gemeinhin die Eskalation, welche Ende der 60er Jahre begann und sich bis in unsere Gegenwart hineinzog und dabei 3530 Todesopfer forderte (1841 hiervon waren Zivilisten). Anfangs war der aufkeimende Konflikt ganz klar inspiriert vom Zeitgeist bürgerrechtlicher Selbstbestimmungstendenzen. Martin Luther King und die Studentenproteste Europas führten schnell dazu, dass sich auch in Nordirland etwas gegen die bestehenden Ungerechtigkeiten regte. Dass die Proteste nicht lange friedlich blieben, mag vom wirtschaftlichen Niedergang dieser Zeit gefördert sein. Warum genau ab 1969 jedoch Gewalt und Unruhen unübersehbar zunahmen, gehört dennoch für mich zu einer der nicht wirklich geklärten Fragen. Die IRA, jene treibende Kraft der Gewalt der kommenden Jahrzehnte, war jedoch von diesen Ausbrüchen komplett überrascht. Nichtsdestotrotz gelang es ihr, nach einigen wirren Spaltungen und internen Grabenkämpfen das Heft zu übernehmen und fortan mit wechselndem Erfolg die Realität in diesem kleinen Zipfel Irlands mitzubestimmen.

All dies ist selbstredend so stark verkürzt wie unübersichtlich doch eines sticht in meinen Augen hervor: Die IRA und ihre zahlreichen republikanischen Splittergruppen sahen sich zweifelsfrei als Befreiungsbewegungen, die im Grundsatz für ein vereinigtes Irland stritten. Ein vereinigtes Irland aber auch definitiv unter dem Vorzeichen des Katholizismus. Soziale Zielstellungen waren zwar stets präsent, blieben aber den nationalen und religiösen untergeordnet. Und hierin begreife ich das fatale Missverständnis sämtlicher Bemühungen, die kompromisslose Sackgasse in der sich die Gewaltspirale jahrelang aussichtslos tummelte. Der Kampf gegen London und für den Abzug der Briten aus Nordirland übersah den Umstand, dass sich hier eine Anzahl von Menschen befand, die sich auch ohne die Unterstützung Englands mit allen Mitteln gegen eine Vereinigung mit der Republik Irland gewehrt hätten. Die Vereinfachung auf einen Kampf zwischen Protestanten und Katholiken greift hier zu kurz. Und dennoch stehen diese Begriffe als unüberwindbares Unterscheidungsmerkmal. Natürlich ist Religion immer nur der Deckmantel, das Etikett darunter brodelnder Gegensätze. Im irischen Fall kämpft ein diffuses Selbstverständnis von arm-bäuerlich gegen wohlhabend-industriell. Doch die konfessionellen Etiketten ziehen sich in Nordirland zäher als in anderen europäischen Regionen durch die Gesellschaft. Die Bedeutung der religiösen Zugehörigkeit auf andere gesellschaftliche Bereiche ist hier starrer und unüberbrückbarer. In den abgegrenzten Vierteln Belfasts entstanden so in der Tat eigene Ethnien, wenn man einen Ethnos so verstehen will, dass es sich dabei um organisierte Gruppen handelt, die sich ihre Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe hauptsächlich durch die Abgrenzung zu einer anderen Gruppe bewusst ist und sich ihr überlegen fühlt.

"And then, one Thursday, nearly two thousand years after one man had been nailed to a tree for saying how great it would be to be nice to people for a change, a girl sitting on her own in a small cafe in Rickmansworth suddenly realized what it was that had been going wrong all this time, and she finally knew how the world could be made a good and happy place. This time it was right, it would work, and no one would have to get nailed to anything." (So Long, and Thanks For All the Fish)

Daher konnte es in Nordirland zwangsläufig keinen Frieden geben solang man sich der Anerkennung der Realität verweigerte, und zwar dem Umstand, dass der entscheidende Punkt nicht in der Vereinigung von Territorien sondern in der Vereinigung von Menschen bestünde. Und genau dort stehen wir dann heute. Nachdem die IRA nach zähem Ringen einen Waffenstillstand zustimmte, dessen Inhalt sie genaugenommen auch schon 30 Jahre früher hätte unterschreiben können, geht es um nichts anderes als zaghaftes Aufeinanderzugehen und Kennenlernen. Diese Entwicklung, die sich seit nunmehr 15 Jahren schüchtern entfaltet, zu begutachten war eines der Hauptinteressen die mich bewegte als ich mich auf den Weg nach Belfast machte. Mein vorläufiges Fazit fällt hier überaus positiv aus. Zwar ist der Identitäts- und Machtkampf noch präsent und die Segregation der beiden Gruppen unübersehbar, doch die Tendenz zu einer gewaltlosen Option der Zukunft hat spürbar Aufwind. Zweifellos bin ich dennoch enorm verwirrt und irritiert von dieser Reise zurückgekehrt. Das Thema wird mich höchstwahrscheinlich noch länger interessieren. Lektüre- und Diskussionsabende werden sich zu dieser Problematik noch aneinanderreihen wenn die Erinnerung an das letzte Ale schon längst verblasst sind. Doch bis dahin drücke ich Nordirland die Daumen und gehe einfach mal davon aus, dass bei meiner nächsten Stippvisite der ein oder andere Zaun lässig zur Seite weggerostet ist.     

Dienstag, 16. April 2013

Obwohl mir zweifellos bis zum bitteren Ende das Stigma des Zugezogenen anhaften wird - das Bewusstsein für die Veränderung Berlins braucht meines Erachtens keinen Berliner Geburtsnachweis. Und dennoch: Wenn man solcherlei Mitschnitte aus der Flaschenpost der Vergangenheit zieht, dann wird einem schon nochmal ganz anders. Gesundbrunnen, Alter!

Donnerstag, 11. April 2013

Frisch gelesene Bücher: Eureka Street, Belfast

Zweifellos wäre ich auf dieses Buch nicht ohne weiteres gekommen. Da brauchte es schon die lang geplante und heiß ersehnte Gruppenreise, die auf ihrer Tour durch mehr oder weniger absurde Weltenecken, nach Belarus, Belgien und Belgrad nun endlich in Belfast Station machte. So stand ich in der Pflicht mich auf dies verlockende Reiseziel gebührend vorzubereiten. Nach eingehendem Wikipedisieren versuchte ich zunächst über ein ganz treffliches Sachbuch (IRA: Langer Weg zum Frieden) Zugang zu Materie zu erhalten. Nachdem dieses Buch unzählige Fragen und Diskussionen aufwarf stürzte ich mich zweifelhafter Hoffnung auf einen belletristischen Versuch, die mäandernden Probleme des Nordirlandkonflikts besser zu verstehen. Was soll ich sagen? Ich genoss dieses Buch wie lange keins mehr.

belfast

Mag sein, dass es immer mehr Spaß macht durch eine fremde Stadt zu wandeln und synchron ein Buch über diese zu lesen. Doch abgesehen davon war es einfach auch ein frisch und unaufgeregter Roman über ein schwer zu fassendes Thema. Dem Autor gelingt es mühelos die Perspektive von Menschen, die in einer von Terror und Intoleranz verhärteten Realität aufwachsen, wiederzuspiegeln. Mittels schwarzem Humor und lässigen Fatalismus stellt die handelnde Gruppe Spätpubertärer mit leichter Hand die Absurdität und Scheinheiligkeit der ganzen Angelegenheit dar. Dabei gelingt Wilson scheinbar nebenher noch eine der besten Darstellungen sinnentleerter Gewalt, die ich jemals die Ehre hatte zu lesen. Hier kann ich nur noch meine Mütze lüften und anerkennend mit der Zunge schnalzen. Schön in Belfast gewesen zu sein. Noch schöner kann es nur mit diesem Buch sein!