Donnerstag, 27. August 2009

Polnisches Bergalphabet (N-R)

Nichts würde mir ferner liegen als einen Buchstaben zu unterschlagen, doch leider wollte mir zu M einfach nichts einfallen. Dafür ist N ganz ausverzüglich belegt. Keine Sorge, ich werde jetzt nicht anfangen über Nichts zu referieren, sondern über Nysa. Diese kleine, bezaubernde Stadt wurde an dieser Stelle sogar schon einmal thematisch gestreift (Stichwort: Ostern im Osten). Doch da mich dieses Mal mein Weg erneut über Nysa führte und ich hier nach langen Jahren endlich wieder den Charme einer Kleinstadt auskosten durfte, ist es nur recht und billig auch mal etwas mehr zum "schlesischen Rom" zu schreiben. Nysa (zu deutsch Neisse) ist eine überschaubare Stadt (knapp 50.000 Einwohner) und schon nach wenigen Stunden hat man das Innenstadtgeflecht, welches aus Markt, Bahnhof und ein paar Einkaufsstraßen besteht, verinnerlicht. Sie liegt nicht, wie man vielleicht vermuten könnte an der Friedensgrenze, sondern an einer anderen Neiße, und zwar an der Nysa Kłodzka (Glatzer Neiße). Die Bedeutung des Örtchens war in der Vergangenheit unzweifelhaft etwas größer. Schließlich war hier die Hauptstadt des gleichnamigen Fürstentums, welches zwar schon im 11. Jahrhundert seine Unabhängigkeit erlangte, doch dann in regelmäßiger Reihenfolge neue Herren bekam. Wie in vielen Regionen Schlesiens begann sehr bald ein munteres Autoritätenwechseln. Breslauer Bischöfe, Böhmen, Österreicher und schließlich die unvermeidlichen Preussen gaben in einander Nysa die Klinke in die Hand. Doch abgesehen vom politischen Hickhack erblühte Nysa in den folgenden Jahrhunderten unbeindruckt. Dank dem beständigen Abbau von Edelmetallen in den nahen Bergen. 


Das "schlesische Rom" im Originalzustand. (Photo: wikipedia)

Wenn man heute durch Nysa wandelt und die Atmosphäre auf sich wirken lässt, so muss man einmal mehr das Wirken des Krieges verdammen. Diesen Eindruck lösen in mir seltener Städte wie bspw. Köln oder Woronesch aus, die im Krieg komplett vernichtet, und hinterher nicht unbedingt vorteilhaft wieder aufgebaut wurden, sondern vielmehr Städte, die architektonisch ein unaufhörliches Hin und Her zwischen Damals und Damalsersatz darstellen. Doch letztlich ist dies nur ein Aspekt des Stadterlebnisses Nysa. Denn neben Steinhaufenbeglotzen gibt es hier noch zahlreiche andere Zeitvertreibe. Man kann sich in der Karczma "Trąba" den besten Gulasch Polens (die Suche geht weiter!) zu Gemüte führen, endlose Spaziergänge durchs Grüne machen und dabei die mustergültigen (aber nutzlosen) Festungsanlagen der Preussen bewundern. Genausogut kann man aber auch in der Fabryka die Nacht zum Tage machen und an den lauschigen Stauseen den Tag anschließend zur Nacht weiterentwickeln. Kurz, wer mit Kleinstädten kann, wird hier nix zu bekritteln finden. 


Der "Nysa", ein launisch-labiler Transporter, für den Nysa gegenwärtig nur noch unter Insidern bekannt ist, wurde in früheren Zeiten hier produziert. Im Gegensatz zum polski Fiat, der im Straßenbild noch oft zu sehen ist, verschwand der Nysa recht schnell auf den Kehrichthaufen der motorisierten Geschichte. (Photo: wikipedia)

Odciski heißt Blasen. Gemeint sind jene schmerzenden Druckstellen, die sich nach längerem Laufen nahezu unweigerlich an den Füßen einfinden. Zwar kann man hiergegen jede Menge unternehmen: kühlende, Fußschweiß unterbindende Salben, regelmäßiger Sockenwechsel, sorgfältiges Schuhe zubinden und natürlich ein erfrischendes Fußbad in einem eiskalten Bergbach - doch schlussendlich gehören Blasen meist immer dazu und führen nach einigen Tagen gegen den Schmerz anlaufen zu einer zäheren, den Ansprüchen täglichen Wanderns genügenden, Hornhaut. Das mag nicht jedermanns Sache sein, doch ich für meinen Teil habe mich dieses Mal sogar über jede neue Blase ein wenig gefreut. Denn das ist definitiv ein vergänglicher Schmerz und keiner der Wandern unmöglich macht. Und nach meinem Bänderriss im Knöchel letztes Jahr beargwöhnte ich jede Meldung die von meinen Füßen kam mit größter Alarmbereitschaft.

Wer kann da schon nein sagen?! (Photo: PTTK)

PTTK steht für Polskie Towarzystwo Turystyczno-Krajoznawcze und dies heißt wiederum soviel wie Polnische Gesellschaft für Touristik und Heimatkunde. Doch diese holperigen Worte beschreiben nur unzureichend, um was es hier geht. Die PTTK ist nichts geringeres als die reizendste und angenehmste Wandererunterstützungsorganisation, die es je gegeben hat. Wer nur einmal in seinen Leben erfahren durfte, auf welch miefig-spießige Art sogenannte Alpenvereine die Natürlichkeit des freien Wanderen unterminieren, der wird angesichts der lockeren und offenen Stimmung im Wirkungskreis der PTTK begeistert aufatmen. Und dieser Wirkungskreis ist von beeindruckender Größe - über 60.000 km angelegte und gepflegte Wanderwege sowie etliche Herbergen und Zeltplätze gehören zu dem gewaltigen Netz mit dem die PTTK ganz Polen überzogen hat. Entgegen meinen Gewohnheiten möchte ich die Verherrlichung des Gegenstands an dieser Stelle kurzerhand abbrechen, da die hohe Meinung, die ich von Stimmung, Leistung und Habitus der PTTK gewonnen habe, so sie hier dargestellt würde, dem kritischen Leser eventuell als eindeutig abgedreht und unglaubwürdig erscheinen könnte. Mir bleibt deshalb einzig die Alternative euch alle dazu zu bewegen euch zu bewegen. Und zwar in die Richtung eurer nächsten schronisko, chata oder pola namiotowe (Zeltplatz).  


Auch in diesem Falle gilt übrigens: "Rot-Weiß ist der geilste Weg der Welt!"

Quellen sind für den einsamen Bergwanderer Luxus, Erlösung und Sicherheit gleichermaßen. Man muss kein alter Hase sein um nach kurzen Überschlagen zu vergegenwärtigen dass das schwerste Gepäckstück bei einer Bergwanderung mitnichten Zelt, Proviant oder der Schlafsack ist. Drei Liter Wasser sind solide drei Kilogramm und das ist das absolute Minimum mit dem man sich auf den Weg machen sollte wenn man der Zivilisation den Rücken kehrt. Daher sind munter und eiskalt hervorsprudelnde Quellen am Wegesrand der absolute Hauptgewinn. Dennoch möchte ich davon abraten, aufgrund in Karten verzeichneter Quellen auf der Tagesroute, den mitzunehmenden Wasservorrat zu reduzieren. Einerseits sind polnische Karten noch immer nicht auf dem vertrauenswürdigen Stand wie ihre tschechoslowakischen Pendants. Und andererseits kann eine solche Quelle, speziell im Sommer auch mal ausgetrocknet sein. Als zuverlässigen Wasserrutenersatz bieten sich übrigen Hunde an. Auch wenn es sich um den dämlichsten Stadtköter handelt, wenn ein Hund Durst hat, findet er überraschend schnell Wasserstellen.

Bei einem Wetter an dem man keinen Hund vors Zelt scheucht, sollte man tunlichst jeden Kontakt zur Außenwelt vermeiden.

Regen ist verständlicherweise einer der vielen natürlichen Feinde des Wanderers. Nichts spricht gegen ein solides Sommergewitter oder einen heftigen Schauer in der Nacht. Problematisch wird es aber immer dann wenn der Regen nicht aufhören will. Den Elementen ausgesetzt, nervt so ein stundenlanges Plätschern bedeutend mehr als in der Stadt. Natürlich kann man auch bei Regen wandern. Doch das ist auf Dauer witzlos und erinnert in seiner Konsequenz an so grenzwertige Vergnügungen wie Winterwanderungen. Jede Rast ist eher Müh- als Labsal, die Sicht beschränkt sich auf wenig erheiternde Grautonkompositionen und bald spürt man wie sich die Feuchtigkeit immer tiefer in einen hinein frisst. Bis schließlich alles modrig und klamm ist. Nein, das macht keinen Spaß und sollte so möglich in jedem Falle unterlassen werden. Besser einen Tag im Zelt oder in einer Chata verbracht und das Regenende abgewartet. Was aber, wenn auch am zweiten Tag beharrlich Tropfen fallen? Ja, auch am dritten Tag kein Ende abzusehen ist. Das ist wahrlich bitter und gehört zweifellos zu den härtesten Zerreißproben jeder Wanderung. So billig es auch klingt: Es gibt kaum eine andere Alternative als so eine Plage auszusitzen und abzuwarten. 

Und damit will ich es für heute gut sein lassen. Der nächste Teil wird etwas auf sich warten lassen da ich mal kurz das Land verlasse. Einmal dürft ihr raten wohin!       

Die Vorgängerteile:

Mittwoch, 26. August 2009

Frisch gelesene Bücher: Der Historiker

Vor gut einem Jahr, als ich die Lektüreauswahl für die langgehegte Reise nach Rumänien zusammenstellte, wog ich dieses Buch unsicher in der Hand. Der blütenweiße Umschlag, mit den frauenzeitschriftigen goldenen Lettern und den adrett aufgetupften zwei Blutstropfen, schlussendlich das, unter dem Titel prangende Glamour-Zitat: "Das ist ein großartiger Schmöker, den man am besten bei Gewitter liest - dann wird er noch gruseliger." Nein, das wollte mir alles nicht so recht gefallen. Ich an und für sich kein allzu großer Ästhetikfetischist wenn es um das Aussehen von Büchern geht. Sicher, ich bevorzuge Taschenbücher und ich weiß wenn mir die Erscheinung eines Buches zusagt oder eher nicht, aber die Gestaltung historischer Romane in Deutschland muss seit geraumer Zeit in der Hand irgendeines mächtigen Kaffeeklatschkreises aus einer weit entfernten Provinz liegen. Überladen bunt, mit den absurdesten, das Thema des Buches vergewaltigenden Motiven und der obligatorischen Schnörkelschrift tropfen sie von jeher vom Bücherregal. Bei den meisten von ihnen ist das ein angemessenes Warnsignal. Doch viele werden hierdurch eindeutig unter dem Wert verkauft.

Bei dem Historiker von Elizabeth Kostova ist dies definitiv der Fall. Der Debütroman, an dem  die Autorin zehn Jahre arbeitete, ist mehr als ein sauber recherchierter und materialreicher Roman über die Draculalegende. Er ist gleichsam auch eine Hommage ans Reisen und die Begegnung mit dem Fremden. Aus den zahlreichen Beschreibungen von Städten, Landschaften und Kulturen spricht die Lust am Entdecken und ein leidenschaftliches Fernweh. Doch auch als historischer Roman, der sich im Laufe der 832 Seiten immer mehr in Richtung des "magischen Realismus" verschiebt, ist er keineswegs eine Enttäuschung. Auch wenn dem Spannungsaufbau selbstverständlich jede Menge Vereinfachungen und Verkürzungen geschuldet sind, Kostova schafft es, die Vorgehensweise "echter" Historiker durchaus nicht aus den Augen zu verlieren. Das ist selten und muss hervorgehoben werden. Die meisten Bücher oder Filme, die Historiker in ihrer Staffage haben, stellen diese zumeist als überlesene, leicht zerstreute Gestalten dar, die durch eine spektakuläre Entdeckung in irgendeinem staubigen Archiv urplötzlich zu einer abenteuerlichen Achterbahnfahrt, sich überstürzender Ereignisse hineinkatapultiert werden. Bei Kostova ist dies anders. Hier werden im Falle eines neuen Dokuments, was alles auf den Kopf stellen würde, die entscheidenden, aber für einen Geschwindigkeit aufnehmenden Spannungsbogen irrsinnig langweiligen Historikerfragen gestellt: "Wer hat es verfasst? Warum hat er es verfasst? Für wen hat er es verfasst?". So vermag es Kostova dem interessierten Leser anhand eines, zugegeben traditionell eher reißerischen und unseriösen Gegenstands zu vermitteln, dass nicht das Entdecken von Quellen für die Rekonstruktion der Vergangenheit entscheidend ist, sondern deren Einordnung und Zuordnung. Dieser Vorgang des kombinatorischen Entschlüsselns ist langwierig und mühsam. Dass er aber noch spannender als die bloße Aneinanderreihung von sich, wie von Zauberhand selbstständig ineinander fügenden Erkenntnissen ist, hat die Autorin meisterhaft bewiesen.


Fazit: Dieses Buch ist für alle die mit offenen Augen und Herzen reisen, die dem Thema Dracula nicht abgeneigt sind und keine Angst vor dicken Büchern haben. In jedem Falle wäre es wohl DAS Buch für Rumänien gewesen. 
     

Dienstag, 25. August 2009

Polnisches Bergalphabet (G-L)

Gorzka, bzw. gorzki heißt bitter und steht gleichsam für ein allgemein verwendetes Kürzel des legendären Wódka Żołądkowa Gorzka. Warum jener jetzt so wichtig ist, dass er einen so ergiebigen Buchstaben wie G belegt? Aus dem einfachen Grund weil er im Laufe der Jahre ein treuer und geschätzter Begleiter auf allen Bergtouren geworden ist. Schließlich ist Wódka (sprich: Wudka) im direkten Vergleich die fraglos bessere Alternative zu seinem gewichtigen Cousin Bier wenn es darum geht, den kleinen Rausch in die Höhen zu transportieren.


Viele Wódkas blinzeln einem in Polen bersteinvergnügt entgegen, doch nur Żołądkowa Gorzka führt zu maximalem Gaumenkitzel. 

Warum dabei nun die Wahl unbedingt auf Gorzka fiel, ist schon schwerer zu beantworten und verliert sich unergründbar in der Geschichte. Dabei ist Żołądkowa Gorzka nur einer von vielen auserlesenen hochprozentigen Spezialitäten. Denn die Wodkaauswahl Polens ist nicht nur exzellent sondern auch ungemein vielfältig. Man denke dabei nur an Żubrówka (der mit dem Büffelgrashalm), Balsam Pomorski oder den unvergleichlichen Siwucha. Auch in dieser Hinsicht fiel ich irgendwann beim näheren Kennenlernen Polens vom Glauben ab. Natürlich hielt ich den russischen Wodka lange Zeit für den besten der Welt, und was klaren Wodka betrifft ist er zumindest genauso vorzüglich wie der Polnische. Doch dabei erschöpft sich leider der Russen Kunst. Die Polen jedoch, die sich selbstredend wie jede Wodkanation für die Erfinder desselben halten, entwickelten den Wodka weiter und kreierten dabei etliche erstaunliche Geschmackssinfonien, die obwohl sie bisweilen den Eindruck erwecken sich weit vom Original entfernt zu haben, in ihrer Seele dennoch Wodkas geblieben sind. Oder halt Wódkas.

Hunde - bei diesem Thema muss selbst ich, der unbestrittene Gebieter ausufernder Abschweifungen und endloser Ausschmückungen vorwarnen: Das wird auch für meine Verhältnisse ungemein uferlos und lobhudelig. Ich habe in meinem Leben einige Länder bereist, einige davon auch mit meinem Hund, doch was Polen in Sache Hundeliebe, ja man könnt gar von Hundevernarrtheit sprechen, hinlegt, schlägt in meinen Augen alles bisher Erlebte. Das Land, welches sich hier benachteiligt behandelt fühlt, möge vortreten oder für immer schweigen.

Wenn Gott einen Hund hätte, würde er in Polen leben.

Es ist dabei nicht jene verhätschelnde, vermenschlichende Kultur Hunden gegenüber, welche einem speziell in Deutschland oft begegnet, sondern ein Umgang, der Hunde schlichtweg als normalste Sache der Welt einzuordnen scheint. Nicht nur, dass ihnen sämtliche öffentlichen Gebäude und Fortbewegungsmittel offen stehen und man dementsprechend nirgendwo in Polen weiter als 10 m von einem Hund entfernt sein kann, was mich immer wieder aufs Neue fasziniert ist die einfach nicht existierende Angst vor Hunden in Polen. Es ist dies eines der Hauptprobleme von Hundebesitzern, dass es immer einen Teil von Menschen gibt, die Hunde nicht nur nicht mögen, sondern einfach auch Angst vor ihnen haben. Dieses Phänomen, welches ich nicht genug bedauern kann, ist mir in Polen kein einziges Mal begegnet. Die selbstverständliche und allgegenwärtige Freude über jeden noch so schlecht erzogenen Hund trägt hier fast schon pathologische Züge. Und genau hier beginnt das Problem: Die unvermeidliche Folge dieser grenzenlosen Zuneigung zu jedwedem Hund ist mit steter Regelmäßigkeit, dass man mit dem Hund sein Essen teilt. Die Kausalität ist einfach: "Hallo Hund!Ich mag dich. Was kann ich dir Gutes tun? Gefällt dir die Wurst, die ich auf den Teller habe? Wenn es weiter nichts ist. Da hast du." Jegliche Argumentationen über die Gefährlichkeit von Menschenessen für Hunde versickert gewöhnlich in einem gutwillig bis ungläubigen Abnicken und dem Klassiker "Aber EINE Wurst kann es doch mal sein!". Letztlich handelt es sich hierbei aber selbstverständlich um ein Luxusproblem. Natürlich ist mir ein Land, in dem Hunde gern gesehen sind,  dafür aber kugelrund gefüttert werden, lieber, als ein Land der Leinen, Maulkörbe und Hundehysteriker. Doch jeder Hundebesitzer sollte, so er nach Polen reist, ein wenig mehr darauf achten, was die streichelnde Hand noch mit sich bringt.

Insekten sind für den Wanderer ohne Zweifel ein leidiges Thema. Wobei es in den luftigen Höhen weniger um nervende Mücken geht. Die lassen wir im drögen Tal zurück. Vielmehr sind Zecken, Wespen (oder gar Hornissen!) und einige mir gänzlich unbekannte aber äußerst schmerzhafte Kleinstinsekten das Problem. Dies ist mit Sicherheit einer der Faktoren, die viele Menschen vom Leben in der Natur abschreckt. Sicher, wenn man es sich mal genau überlegt, klingt das zusammengenommen irgendwie nicht sonderlich verlockend: Schwitzen, Schleppen, Druckstellen und Blasen, keine Dusche und Klo, hartes Bett und dann auch noch dieses ganze widerliche Viehzeug was hinter jedem Busch lauert um einen zu beißen, stechen oder einfach nur zu nerven. Doch letztlich ist die Rechnung nicht so einfach und viele der genannten Negativfaktoren machen gar den Reiz an der Angelegenheit aus. Doch die Insektenplage kann man sich beim besten Willen nicht auf diese Weise schönreden. Nein, hier gibt es auch von meiner Seite kein Allheilmittel. Da hilft nur Gleichmut und Autan.

Die Blau/Heidelbeere - das linguistische Miststück schlechthin. Man hätte es wissen können. Wer auf deutsch schon zwei Namen hat, wird sich auch im slawischen Raum nicht zurückhalten können.   

Jagody sind zu deutsch Blaubeeren und damit betreten wir nicht nur das Gebiet der Wildfrüchte sondern auch das ebenso verlockende Terrain der Sprachverwirrung. Wie allgemein bekannt, handelt es sich bei Polnisch um eine slawische Sprache. Ich nahm also zu Beginn meiner Polenexkursionen an, dass ich, da ich dem Russischen relativ mächtig bin, mir diese Sprache relativ schnell aneignen könne. Doch schnell merkte ich, dass mich meine Russichkenntnisse vielfach eher behinderten als das sie mir halfen. Ob Betonung oder Aussprache - oft genug stolperte ich über mein russifiziertes Sprachempfinden. Doch so richtig gemein sind die zahlreichen falschen Freunde, die wie künstlich erzeugt wirken. Einzig allein erschaffen um das ungeliebte Familienmitglied aus dem Osten auf Distanz zu halten. Im Falle von Jagody verhält es sich nun noch ein wenig komplexer. Ягоди (Jagody) heißt im Russischen nämlich einfach nur Beeren. In den meisten westslawischen Sprachen aber heißt jagody Erdbeeren (einzige Ausnahme bildet hier das Serbische mit der so entzückenden wie unerklärlichen Bezeichnung Страуберриес). Das Polnische Wort für Erdbeeren dagegen (Truskawki) war mir gänzlich unbekannt. Es sind Momente wie diese in denen man jegliche Vorstellungen von einer möglichen panslawischen Verständigung emotionslos über Bord wirft und sich wortlos schmatzend an den verschwenderischen Gaben von Mutter Natur erfreut.    

Käse und Kiełbasa (Wurst) sind unerlässliches Inventar für jeden längeren Ausflug in die Berge. Nachdem wir ja uns ja schon ein wenig mit der warmen Küche Polens auseinandergesetzt haben, ist es nun an der Zeit, auf die kalten Spezialitäten einzugehen. Fangen wir mit der guten Nachricht an. Bezüglich Käse kann man in Polen durchaus dem einen oder anderen Glücksmoment entgegen sehen. Selbstredend kann sich die Vielfalt nicht mit Frankreich messen und das Durchrudern langweiliger Käseimitate gehört zum Geschäft, aber daneben gibt es in verlässlicher Güte einige lohnenswerte Räucherkäse. Speziell Oscypek (Hartkäse aus Schafsmilch), welcher eine Spezialität aus der Tatra ist, sollte in jedem Falle gekostet werden. Dieser Käse, der in Rollen wie in Rautenform erhältlich ist, eignet sich vorzüglich für die knautschigsten und heißesten Regionen des Rucksacks. Durch seine Elastizität und Haltbarkeit kann besagter Käse noch Wochen nach dem Kauf als leckere Zwischenmahlzeit dienen. 

Elastisch, rauchig, aromatisch - Oscypek - ein treuer Freund auf allen Wegen. Photo: wikipedia

Kiełbasa ist dagegen ein ganz anderes und für mich mit bedeutend mehr Leid verbundenes Thema. Wenn man wie ich für jegliche fleischliche Genüsse zu haben ist, ja, für den ein Leben ohne Fleisch schier undenkbar ist. Wenn man noch zusätzlich bedenkt, dass das vorurteilslose Kosten der Speisen des jeweiligen Reiselands für mich ein unabdingbarer Bestandteil bei der Entdeckung des Fremden ist, dann begreift man annähernd welche Katastrophe es für mich bedeutete, als ich erstmals in eine polnische Wurst biss. Meine Erwartungen waren zwar gemischt. Ich hatte einerseits die nicht gerade überzeugenden Würste Russlands im Kopf, aber  eben auch die feurigen Spitzenerzeugnisse Ungarns und die knackigen Leckerbissen Böhmens auf der Zunge. Irgendwo dazwischen, so meine irrige Hoffnung, müsste sich die kulinarische Kultur der polnischen Würste doch gefunden haben! Doch nix wars. Das seifige und graupelige Etwas in meinem Mund glitt konsistenzarm und würzesuchend in meinen Magen hinunter. Es tut mir leid. Bei aller Liebe - polnische Würste gehen bei mir einfach nicht. 

 

Stillleben der verwursteten Grenzen einer Liebesbeziehung. Photo: chefpaul.net

Lagerfeuer und Lieder sind nicht wegzudenken aus den polnischen Bergen. Nun ist an Lagerfeuern draussen in der Wildnis ja an sich nichts besonderes. Ein Feuerchen zum Abend entspannt, wärmt und hält die Mücken fern. Außerdem ist die hypnotische Magie, welches ein Feuer unter freiem Sternenhimmel ausübt, unübertroffen und essentieller Bestandteil jeder Naturromantik. Mit Liedern verhält es sich bei uns Deutschen, wie allgemein bekannt, ja recht mau. Keinen mag es dann auch sonderlich verwundern, dass es bei den Polen in dieser Hinsicht anders steht. Doch auch in dieser Beziehung möchte ich ohne Übertreibung konstatieren, dass Polen wirklich extreme Singvögel sind. Keine Zwei Polen ohne Gitarre und keine Minute am Feuer kann vergehen ohne dass einer anstimmt und alle anderen problemlos einstimmen. Das Repertoire ist dabei erstaunlich groß. Nach nunmehr gefühlten hundert Lagerfeuersessions erkenne ich zwar mittlerweile ein gutes Dutzend der oft gesungensten Klassiker, doch immer wieder kommen auch neue Lieder oder Variationen von bekannten Hits vor. Dabei haben auch die bedeutenderen der polnischen Gebirge (Tatra, Bieszczady, Riesengebirge u.v.m.) eine Vielzahl an eigenen Liedern, kurz für Unterhaltung ist gesorgt. Und auch wenn noch einiges Wasser die Wisła hinabfließen wird, bis ich mit einstimmen kann, so fühle ich mich bis dahin in solch einer Runde immer wohlig aufgehoben.


Und damit genug für heute, doch der nächste Teil folgt unvermeidlich...

     

Für Quereinsteiger unverzichtbar: Das polnischer Bergalphabet (A-F) sowie Das polnische Bergalphabet (N-R)

Montag, 24. August 2009

Frisch gelesene Bücher: Der Kalenderblattmörder

Reisezeit heißt für mich auch unweigerlich Lesezeit. Nicht dass das im Rest des Jahres grundlegend anders wäre, aber die Auswahl der Lektüre und der Genuss am Lesen ist auf Reisen doch etwas spezieller. Hat man einerseits bei jeder Reise die selektierende Vorfreude im Blick, Bücher auszuwählen, die zum Reiseland passen oder die man schon immer lesen wollte, für die man aber im brummenden Alltag keine Muße findet. Und ist andererseits ein Buch, welches man während eines notgedrungen, ewigen Aufenthalts an irgendeinem Provinzbahnhof oder auf einer verregneten Chata liest, für immer von einer Erinnerung geprägt, an die man stets denken wird, wenn der Blick flüchtig über das Bücherregal streift. 

Im Falle des Kalenderblattmörders von Marek Krajewski war die Entscheidung klar von der Motivation geleitet, wenigstens irgendetwas Polnisches dabeizuhaben. Zweifellos war dies nicht meine erste Wahl, doch alle Bücher, die ich vorgezogen hätte, befanden sich aufgrund erschreckender Neuauflagenlethargie in unereichbarer antiquarischer Preislage (Beispiele gefällig? Das Nationalepos Polens, Pan Tadeusz von Adam Mickiewicz wurde das letzte Mal 1963 in Deutschland aufgelegt und kann bei amazon zum Spottpreis von 120 € erworben werden. Oder DER Vertreter der polnischen Moderne, Władysław Reymont, und sein unzweifelhaft lesenswertes Buch "Das gelobte Land" - hier blieb es tatsächlich bei der 1916er-Auflage und so ist der Preis bei berechtigten 150 € angekommen. Selbst vielversprechende, zeitgenössische Autoren wie Olga Tokarczuk werden nur halbherzig verlegt, so dass ihr international erfolgreichster Roman "Ur und andere Zeiten" mittlerweile erbarmungslos vergriffen ist.)

Aber genug gezetert. Auch wenn Krimis gemeinhin nicht zu meinen favorisierten Sujets gehören, ließ mich die Szenerie, welche Krajewski in seinen Romanen offenbar erschafft, aufmerken.

"Der Pole hat für seine Tetralogie um den rüden Kriminalrat Eberhard Mock, das Breslau der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre rekonstruiert. Mit seiner rechercheaufwändigen, sehr detailliert vorgetragenen Darstellung der damaligen Hauptstadt Niederschlesiens leistet Krajewski nicht nur eine atmosphärisch dichte Beschreibung der verruchten Roaring Twenties an der Oder, sondern reanimiert zudem eine dem Untergang geweihte Stadt, deren Würde und Schönheit allmählich von marodierenden Nazis ausgehöhlt wird." (Die Welt, 3.4.07)

Und dies trifft tatsächlich ungeschmälert zu. Die Bücher von Krajewski, welche in Polen etliche Preise eingeheimst haben, werden hier oftmals 'Retro-Krimis' genannt. Das ist keinesfalls abfällig zu verstehen, sondern bedeutet vielmehr, dass der Autor dem in Polen relativ jungen Thriller-Genre eine historische Tiefenschärfe zukommen lassen hat, die bislang die absolute Ausnahme war. Außerdem ist er in der Lage sprachgewaltig und wissenschaftlich korrekt bis hin zum ausführlichen Verzeichnis historische Straßennamen, deutsche Prägungen einer Stadt zum Leben zu erwecken, die es so nicht mehr gibt. So entsteht gewissermaßen neben der Krimihandlung ein einzigartige Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse der 20er Jahre in der Weimarer Republik. Kenner der Materie mögen jetzt einwenden, dass genau dies einen guten Krimi auszeichnet. Wenn dem so ist, will ich nichts gesagt haben und fürderhin diese Art von Kriminalromanen durchaus zu meinen Lieblingssujets zählen. 

Fazit: Dieses Buch ist so ungewöhnlich wie empfehlenswert. Ein Buch, nach dessen Auslesen ich in den Bergen das unwillkürliche Begehren spürte, unbedingt den nächsten Band in die Hand zu nehmen. Doch der nächste deutschsprachige Buchladen war unangenehm weit entfernt. Ein Problem, was ihr nicht habt. Worauf wartet ihr also?!    

Sonntag, 23. August 2009

Polnisches Bergalphabet (A-F)

Frisch zurück aus den Bergen, berste ich natürlich vor Eindrücken und dachte mir, der Übersichtlichkeit halber, die wichtigsten Stichwörter zum Thema hier zu präsentieren. Doch zuvor noch eine kleine Einleitung: Als ich vor etwas mehr als zehn Jahren erstmals wandernderweise nach Polen kam, mochten wir uns auf Anhieb nicht so recht. Der stolze EB, welcher bei den Tschechen noch durch schattige Wälder, über edle Berge und an gemütlichen Kneipen vorbeiführte, entwickelte sich kurz hinter der Grenze überhaupt nicht zu seinem Vorteil. Lieblos und unsicher schlängelte er sich hier durch Kiesgruben und vergammelte Forstlandschaften und ausgetrunken wirkende Dörfer. Unser Proviant wurde knapp und unsere Geduld riss schließlich. Wir nahmen den "Bus" und überbrückten den leidigen, polnischen Streckenabschnitt. Schnell eilten wir wieder hinüber, nur um all das erlebte Elend schnell zu vergessen. Dieses grausige Erlebnis hielt lange vor und bewahrte mich in den nächsten Jahren vor weiteren Ausflügen nach Polen. Doch vor vier Jahren führte uns ein Ausflug in die hinterste Ecke der Slowakei eher unabsichtlich auch wieder nach Polen, genauer in die wilden Bieszczady. Alles schien gewandelt: Menschen, Speis und Trank - nicht zuletzt ließ auch die uns umgebende Landschaft keine Wünsche mehr offen. Die Neugier war geweckt und fortan zog es mich beharrlich fast jeden Sommer in die polnischen Berge. Ein kurzer Blick in den Atlas zeigt, dass sich alle relvanten polnischen Berge in Grenznähe befinden. Daher sind Überschenidungen mit der Slowakei oder den Tschechen unvermeidlich. Dennoch liegt der Schwerpunkt dieses kleinen Alphabets unzweifelhaft auf dem bergigen Polen.


Der Bahnhof von Wrocław - einer der beeindruckendsten Bahnhöfe, die ich je erleben durfte.

Anreise - Praktischerweise können wir gleich zu Beginn die Formalitäten hinter uns bringen. Denn, wie ich dann doch aus einer Vielzahl von Gesprächen entnommen habe, stellt das Hinkommen für erstaunlich viel Deutsche immer noch eine schier unüberwindliche Hürde dar. Liebgewonnene Klischees, die gefürchtete Sprachbarriere und schlichte Unkenntnis lassen Polen zum weit entferntesten deutschen Nachbarland werden. Dabei ist es weitaus einfacher als man denken sollte. Das bevorzugte Reisemittel sollte in jedem Fall die Polnische Eisenbahn (PKP) sein. Es gibt dabei zweierlei Möglichkeiten: Einfach, schnell und westlich oder umständlich, langsam und billig. Die erste Variante beinhaltet nichts weiter als das Wissen um den genauen Abreisetermin. Dann geht man per Internet oder DB-Schalterschlange zu Werke, bucht einen Zug zum Spartarif (Alles auf den Strecken Berlin-Warschau oder Berlin-Kraków ist möglich) und schwups steht man auf dem polnischen Verbindungsbahnhof seiner Wahl. Will man jedoch spontan sein und bspw. noch heute Abend losfahren, gestaltet sich das preislich ein wenig problematisch. Dann, oder auch wenn einem die hermetisch schönen ECs nicht so recht behagen, kommt die zweite Variante ins Spiel. Hierfür fährt man per RE zur Grenze und löst im ersten polnischen Grenzort sein Ticket bei der PKP. Den beachtliche Preisvorteil deutete ich ja schon mal bei den Reisevorbereitungen an. Selbstverständlich ist das nur für alle in Westpolen beheimatete Menschen was. Polenreisende aus den fernen, westlichen Gefilden müssen andere Pläne entwerfen. So wären wir also schon mal in Polen. Doch wie kommen wir jetzt vom Megopolendrehkreuz zum Bergbahnhof unserer Wahl? Da die Ticketbesorgung am Schalter einige hässliche Fallstricke nicht nur für Sprachunkundige bereithalten kann, empfehle ich hierfür einfach in den jeweiligen Zug zu steigen (Fahrplan heißt rozkład jazdy und Gleis peron, wobei jedes Gleis in zwei tor aufgeteilt wird) und beim Schaffner zu bezahlen. Das kostet ganze 5 Złoty Aufpreis, doch es ist in jedem Falle das richtige Ticket.

Natürlich sind es nur Buchstaben. Und dennoch ist es zumindest den Potsdamern vergönnt, in stiller aber unbezwingbarer Manier dem DB-Regime die Zähne zu zeigen.    

Berge wie Babia Góra, Barania Góra oder besagte Bieszczady sind der eigentliche Grund für Ausflüge dieser Art. Ihre majestätische Erhabenheit, die Stille ihrer Gipfel und die Endlichkeit jedes Leidens angesichts ihrer Bezwingung mag sich nicht jedem erschließen, doch mir bedeutet ein das Erlebnis Berg ungemein viel. Auch hier gibt es enorme Qualitätsunterschiede. Versteckte Buckelberge, die an sich teil eines Massivs sind und nur durch ein paar Höhenmeter mehr einen Gipfel markieren, sind hier ebenso wenig gemeint wie prominente Familienausflugsberge, die per Seilbahn oder Straße mühelos zu erklimmen sind.

Zugegeben, kein polnischer Berg, sondern der Krivan in der Tatra. Der Berg schlechthin. Keiner dominiert überzeugender! Photo: Robert.BlueSky (via flickr)

Ich spreche von Bergen, die durch ihre charakteristische Gestalt problemlos ein ganzes Gebirge prägen können. Man sieht sie schon Tage vorher und wandert mit grimmigen Pochen in den Waden auf sie zu. Schließlich kommt der unvermeidliche Anstieg und hierbei wird einem nichts geschenkt. Keine endlos gewundenen Serpentinen, sondern knallharte Steigung. Bis die Baumgrenze kommt und der Blick umher schweifen kann. Dann noch ein paar Höhenmeter bis zum Gipfel, Rucksack abwerfen, Wasser tanken, durchatmen und still genießen.

Cześć ist eine der gängigen Begrüßungsformeln in den Bergen. Es ist das Äquivalent des deutschen 'Hallos' oder des tschechischen 'Ahois' und ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Meine ersten Kontakte zu jenem Paradebeispiel polnischer Zischkultur fand in frühen Jahren in den Bergen statt. Denn dass ich das Land Polen, wie erwähnt, wandertechnisch mied, bedeutete nichtsdestotrotz, dass ich dem einen oder anderen Polen oben in den Bergen begegnete. Doch es mussten viele Polen an mir vorüberlaufen, bis ich begriff, dass es sich bei dem Herausgeschnauften in der Tat um ein korrektes Wort handelte. Jahre, in denen ich mich behutsam aber unaufhaltsam der polnischen Kultur und Sprache annäherten, vergingen und gegenwärtig gehört es für mich zum Normalsten der Welt in den Bergen (und gerne auch mal im Tal!) mit 'cześć' zu grüßen. Ja, eine Effizienz und Ergonomie dieses Wortes scheint mir immer mehr wie geschaffen für einen, den Gegebenheiten angepassten Wanderergruß. Mimischer Aufwand wie Luftverschwendung werden auf ein Minimum reduziert, können sogar den Atemzyklen mühelos angepasst werden (Im Gegensatz zu 'Hallo', 'Ahoi' oder gar dem erwachsenen Bruder von 'cześć', 'dzień dobry', kann man diese Floskel ohne viel Übung einatmend wie ausatmend aussprechen!)

Dziewczyna heißt Mädchen und muss, bei aller Seiltänzerei die eine solche Erwähnung bedeuten könnte, gesondert herausgestellt werden. Jenseits aller pauschalen Verallgemeinerungen und sexistischer Verdächtigungen möchte ich an dieser Stelle der polnischen Weiblichkeit eine Lanze brechen. Mädchen in Polen strahlen in erschreckend regelmäßiger Häufigkeit etwas Besonderes aus. Es wäre zu einfach, die Behauptung anzubringen, dass dies allein an ihrer Schönheit und Anmut liegen müsse. Dies ist zwar ein bedeutender Faktor, aber Häufungen von edel geschnittenen Gesichtern, selbstsicheren Auftreten und angenehmen Stimmen gibt es auch in anderen Ländern. Die Faszination, die die polnischen Weiblichkeit beharrlich ausübt, muss daher unzweifelhaft tiefere Wurzeln haben. Doch bei der Ergründung von diesen verlieren sich meine bisherigen Forschungsergebnisse noch in unhaltbaren Spekulationen und abenteuerlichen Vermutungen. Ich werde dem aber im Dienste der Wissenschaft weiterhin unerbittlich nachgehen.

Eisenbahn  ist in Polen fast ausschließlich noch Staatssache (s. Anreise). Dabei ist die PKP zwar aufreizend schlecht organisiert und bisweilen erschreckend langsam, dafür aber immer noch preiswert und rund um die Uhr in Betrieb. Solide das Land durchkreuzende Nachtzüge, in denen man noch die Fenster aufmachen und sich ausstrecken kann und Bahnhöfe, die noch Treffpunkte für Menschen und keine Kaufhäuser für Klone sind, machen jede Reise mit der PKP zu einem originären Genuss, den es in jedem Falle mitzunehmen gilt, da auch hier unweigerlich die Uhr tickt und schon bald unweigerlich moderne Zeiten anbrechen werden.

Wenn Schienen vor Glück jauchzen könnten... Photo: *Ijon (via flickr)

Forelle (pstrąg) ist so etwas wie der Rettungsanker im fettig triefenden Ozean der polnischen Küche. Bevor hier schon die ersten Bigosfanatiker oder Kielbasaenthusiasten empört aufschreien, gemach! Ich bin ein leidenschaftlicher Verteidiger vieler fetttriefender Gerichte. Schließlich gehöre ich zu dem immer kleiner werdenden Einzelkämpferkorps, welches beharrlich auf seinen Flaki besteht, auch wenn alles um einen herum vor Ekel und Gelächter vergeht. Es ist vielmehr eine Frage der Gewohnheit und das Bedürfnis nach Abwechslung.

Am Bodensatz polnischer Haute Cuisine: Zapiekanka und schales Bier. Doch warum sollte die Frau der Träume auch noch kochen können?!

Neben wenigen Ausnahmen (Tip: Bahnhofsrestaurants oder Karczmas) glänzt die polnische Speisekarte durch lauwarme und ungewürztes Feilbieten der immer gleichen Speisen. Bigos, Fasolka (Bohnensuppe), Flaki, BarszczŻurek und Grochówka (Erbsensuppe) stellen die unerschütterliche Sechseinigkeit des Suppenuniversums dar und werden von pierogi, naleśniki (Eierkuchen) sowie einigen ideenlosen Kotelett -und Frikadellenvariationen flankiert. Das ist durchaus schmackhaft und gefällt, wird aber nach einiger Zeit langweilig oder für manche deutsche Mägen auch nicht länger tragbar. Daher empfehle ich, speziell in Gebirgsnähe, die Forelle. Vom Grill oder aus der Bratpfanne weiß sie noch die rebellischste Verdauung zu besänftigen und jedes kulinarische Gähnen leidlich zu unterbinden.


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