Sonntag, 28. Februar 2010

Frisch gelesene Bücher: I.N.R.I

Schon immer hatte ich eine stark ausgeprägte Vorliebe für alternativhistorische Bücher. Die "Was-wäre-wenn"-Debatte gewinnt doch um einiges wenn sie aus verrauchten Kneipen und verschwommenen Annahmen herausgenommen wird und in einem Buch, wohl recherchiert, Gestalt annimmt. Dies ist natürlich nicht immer so. Speziell dieses Sujet ist voll von Scharlatanen und Wichtigtuern. Vorsicht ist also angebracht. Das soeben genossene Buch, I.N.R.I: oder die Reise mit der Zeitmaschine, gehört diesbezüglich vielleicht nicht zu den Flaggschiffen, ist aber auch definitiv kein Rohrkrepierer.


Letztlich beschäftigt sich Moorcock, respektive seine neurotische Hauptfigur mit jener Frage, die von jeher zum Grundinventar einer gepflegten Diskussion zwischen Atheisten und Christen gehört: Hat es Jesus tatsächlich gegeben? Und wenn, was war er in Wirklichkeit für einer?

"Aber was war zuerst da? Die Idee oder die Wirklichkeit Christi?"

Sie zuckte die Achseln. "Wenn schon, dann die Wirklichkeit. Jesus war ein jüdischer Unruhestifter, der einen Aufstand gegen die Römer organisiert hat. Er wurde gekreuzigt, weil er Ärger gemacht hat. Das ist alles, was wir wissen und wissen müssen."

"Eine große Religion kann doch nicht so einfach entstehen."

"Wenn die Menschen eine brauchen, dann erschaffen sie eben aus den unwahrscheinlichsten Keimen eine große Religion."

Dieser Wortwechsel kommt einem dann doch recht bekannt vor. Hätte problemlos gestern oder vor drei Jahren in einem beliebigen Lokal stattfinden können. Selbstredend offeriert das Buch hierfür keine Lösung. Hier wird lediglich mit den vorhandenen Indizien und Möglichkeiten jongliert. Heraus kommt dabei ein Roman, der auf erstaunlich wenig Seiten so relativ alles abhandelt, was die späten 60er umtrieb: die Abgründe, Tabus und Unzulänglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen, der Sexualität, Religion, Philosophie und Politik.

Fazit: Ein gleichermaßen krankes wie erfrischendes Buch, welches dem Thema zwar nichts sonderlich neues hinzufügt, aber eben auch den Anstand hat, nichts anderes zu behaupten. Für Fans wie Skeptiker religiöser Urkeime ein lohneswerter Lesespaß.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Ein Leuchtturm ist ein Leuchtturm ist ein Leuchtturm

In der Tat, es war tatsächlich nur ein Leuchtturm. Selbstverständlich einer, der mit geheimnisvollen Zahlen, seltsamen Namen und irritierenden Spiegelungen ausgestattet war, aber eben doch nur ein Leuchtturm. Für diesen Umstand ist man ja angesichts der Metaphernsprudelei und Mehrdeutigkeitsattacken für die Lost mitunter bekannt ist, fast schon dankbar.

In diesem Sinne bleibe ich weiterhin bei meinem Urteil von letzter Woche: Für Lost-Verhältnisse ist regelrecht Ruhe eingekehrt. Mit Stringenz und kausaler Beharrlichkeit strickt man weiter am letzten großen Kampf zwischen den beiden Antipoden. Wir lassen uns abwartend darauf ein, in ungewisser Erwartung darauf wie dieser letzte Kampf all die Kämpfe der Vergangenheit klären soll. Denn schließlich hat der Spannungsbogen Losts ja etliche Duellszenarien präsentiert. Und diese nahmen im Laufe der Zeit an Universalität und Perfidität selbstverständlich nicht unbedeutend zu. Wir begannen bei "Die Abgestürzten vs. geheimnisvolle/sonderbare Insel", nahmen schnell die Kurve zu "Abgestürzte vs. Die Anderen" nur um wenig später dies alles hinauszutragen und in einen Grundsatzkonflikt zwischen Whitmore und Ben hineinzusteuern. Dann verlor sich dies alles in den Zeitläuften, wurde gewürzt mit jeder Menge Zusatzrätseln und Bonusgeheimnissen und findet sich nun im Kampf zwischen Jacob und dessen (bislang noch) namenlosen Feind wieder. 

Nun denn, Brüder. Ich hoffe ihr kommt da heil wieder raus. Bis dahin bleibt Däumchendrehen und andere sinnreiche Geduldspiele (s.o.). Im übrigen ja zumindest mal ein Spiel in dem die "Zahlen" keine Rolle spielen.  

Dienstag, 23. Februar 2010

Frisch gelesene Bücher: Der Favorit der Zarin

Erneut ein Buch von Akunin und damit, so könnte man meinen, schließt sich der Kreis meiner Lesegelüste. Vor etwa einem halben Jahr wies ich hier erstmals auf ein Buch von ihm hin und nur wenige Bücher später bin ich wieder bei ihm gelandet. Es ist wohl vergleichbar mit einer vertrauten Angewohnheit, sobald ein neues Buch von ihm erscheint ohne Zögern zuzugreifen. Schließlich wird man ja auch selten als zu herbe enttäuscht.

Obwohl just das gelesene Buch,  "Der Favorit der Zarin" mich erstmals an meiner Leidenschaft für den Moskauer Krimiautor zweifeln ließ. An und für sich hatte mich die neue Nicholas-Fandorin-Serie anfangs sehr angesprochen. Spielte sie doch einerseits ersmals in der russischen Gegenwart (verkörpert durch den reichlich naiven und verwestlichten englischen Spross der Fandorin-Familie, welcher nach einem ereignisarmen Geschichtsstudium im wilden Osten seinem Leben Sinn einhaucht) und anderseits in der tiefsten russischen Vergangenheit (bei einem der zahlreichen Ahnen des Fandorin-Clans). Irgendwie hingen beide Geschichten schließlich auch zusammen und verquickten sich auf charmante Weise.  

Ich weiß nicht genau woran es diesmal lag, aber bei diesem Buch funkte es einfach nicht richtig. Ich fand die Story recht vorhersehbar. Die Gegenwartszeitlinie sogar recht unglaubwürdig und zusammengeschustert. Allein wenn Akunin vergangenen Zeiten beschreibt, blitzt sein Talent immer wieder unübersehbar auf. Diesmal darf er sich in den letzten Zuckungen der Regierungszeit Katharina der Großen austoben, und dies gelingt ihm größtenteils ganz ausgezeichnet. Geschmälert wird dies jedoch, dass auch hier Dramturgie und Aufbau nicht an frühere Leistungen heranreicht und zudem noch durch ein erbarmungswürdiges Happy End gekrönt wird.

Ein paar Worte noch zum äußeren Erscheinungsbild des Buchs: Ein kleiner Exkurs aus meiner Phantasie, wie es dazu kam.

Verantwortlicher Lektorin (langjährige, abgebrochene Slawistikstudentin mit festen Glauben an die russische Seele und unterwürfiger Demutspose jedweder Autorität gegenüber; Dutt; kahkifarbener Hosenanzug): "Angelehnt an die erste Ausgabe dieser Reihe würde ich erneut einen historischen Stich von einer russischen Stadt empfehlen. Diesmal vielleicht St. Petersburg. Da der Roman ja zu wesentlichen Teilen dort spielt, meinte ich."

gerade angesagter PR-Spezi des Verlags (hauptberuflich stolzer Sohn der Großbourgeoise mit edlem Lebensmotto 'Erst red' ich und dann hörst du zu!'): "Ach, was. So erschließen wir nie neue Käuferschichten. Freaks wie du (abschätziger Blick Richtung Lektorin) kaufen den Kram doch eh. Nein, hier müssen wir ganz anders operieren. Ein schmalziger Blick, kitschige Zwiebeltürmchen, oder wie immer die heißen,im Hintergrund. Die Balalaikas müssen klingen und die unerfüllbare Kosakenliebe muss dir das zurückgebliebene Hausfrauenherz zerreißen.  Und dies alles muss allein ein Blick auf das Cover auslösen. Ich mein, he bei dem Titel wäremn wir doch blöd die Chance nicht zu nutzen! Wir brauchen den zufälligen Griff zu diesem Buch der klassischen Arztromanleserin. Erst dann haben wir es geschafft. Noch Fragen?!"

Nein, ich hab keine Fragen mehr und werde auch das nächste Buch erwerben. Auch wenn mir der Umschlag desselben in der U-Bahn die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte.  


Montag, 22. Februar 2010

Share me if you can

Das Problem mit Filesharing ist ja nun schon seit längerem so eine leidige Sache. Einerseits streng verboten, übel beleumundet und als unmoralisch verfemt, ist es dennoch mittlerweile (zumindest in urbanen Räumen) ein Massenphänomen und gräbt sich als unangenehm eiternder Stachel beständig weiter hinein ins fette Sitzfleisch der Contentmafia. Und wenn man sich allein die nachfolgende Grafik, welche mich unlängst auf Spreeblick anblinzelte, zu Gemüte führt, hat man schon ein handfestes Motiv für die andauernde Vitalität des Raubkopierens.     


Doch manchmal fragt man sich dann wie dies alles funktionieren kann. Freilich unterbreitet einem das zügellose Netz unzählige Möglichkeiten um zum Geächteten zu werden. Einige davon sind gefährlicher, völlig sicher ist keine. Doch mit kino.to ist in jüngerer Zeit wohl fast jeder Netzbewohner, welcher Freude an bewegten Bildern hat, in Berührung gekommen. Die Ermittlungen der Behörden, den Betreibern von kino.to auf die Schliche zu kommen, liest sich in jedem Falle wie ein potentielles Drehbuch, welches noch potentieller irgendwann in Filmform auf eben jener Seite feilgeboten werden könnte. Natürlich fehlt hierzu noch das staatlich vorgegebene Happy End. Und dies steht derzeit noch aus.

Seit gut anderthalb Jahren verfolgen Beamte die Leute, welche angeblich aus Deutschland stammen sollen und noch angeblicher hinter kino.to stehen. Schätzungen zufolge hat die Seite einen Tagesschnitt von sagenhaften 200.000 bis 400.000. Damit rangiert sie mühelos unter den 50 meistaufgerufenen Internet-Seiten in Deutschland und schubst sich so Portale wie Stern.de oder Bing. Was ist schon die schönste Fotostrecke oder das treffsicherste Suchergebnis gegen ein frei verfügbares Archiv von 12.000 Filme, 10.000 Serienfolgen und fast 5000 Dokumentationen. Die Jagd des verwirrten Hasens nach dem bislang glückreichen Igels, welcher sein Geld im übrigen durch die auf ihrer Seite verankerten Abzockangebote für überteuerte Abonnements und Software macht, könnte schon allein aufgrund ihrer locations mit jedem Bondfilm mithalten. In Tonga registriert, liegen die Daten mal in Holland, Russland, Spanien oder gar im wilden Zwickau. Das Ganze garniert mit den passenden Darstellern und einem auserlesenen Soundtrack könnte einen passablen Film ergeben. Und vielleicht die legalste Raubkopie aller Zeiten.      

Donnerstag, 18. Februar 2010

Kandidatenfrage

Es sei mir verziehen (und ich weiß die Rache wird furchtbar sein!) aber ich empfand die neueste Folge namens "The Substitute" als eine eher einfachere Episode. Oder sagen wir mal lieber, verglichen mit der sonstigen unerwartbaren Sprunghaftigkeit, folgt dieser Teil recht stringent und und konsequent dem vorgegebenen Kausalzusammenhang. Dies heißt natürlich keinesfalls, dass es langweilig wird, es macht vielmehr den Eindruck, dass nun endlich Kurs genommen wird auf die Lösung aller Fragen. 

Klare Stoßrichtung wird vorgegeben von "Ex-John-Locke/Jeremy-Bentham-Rauchmonster-Samuel-Sonstwas", welcher in dreister Manier durch die Story rauscht und dabei einiges rausrutschen lässt. Er will weiterhin runter von der Insel (nein, nach gestern glaube ich noch weniger an die Außerirdischen-Option!) und braucht dafür Menschen, bzw. wie Jacob zuvor Kandidaten. Jener brauchte sie jedoch um die Insel zu beschützen, und zwar vor eben jener dunklen (oder versklavten und unterdrückten) Macht, die im Körper John Lockes steckt. Die Kandidaten sind natürlich u.a. unsere Abgestürzten. Die Hauptfiguren werden in der Folge einzeln abgeleuchtet. Aber natürlich gibt es allerorten vor flackernden Monitoren Menschen, die wenige Stunden nach der Weltpremiere die Standbilder absuchen. Das Resultat kann auf folgender Tabelle begutachtet und honoriert werden.

Somit ist klar, dass der Kampf in die entscheidende Phase übergeht. Wir wissen dabei nicht wer gut und wer böse ist, bzw. ob auf eine solche Kategorisierung wert gelegt wird. Wir wissen aber auch, dass beide Kräfte auf bestimmte Menschen angewiesen sind. Und, um alles dann doch wieder in gewohnte konfuse Bahnen zu leiten, wir haben keine wirkliche Ahnung, wer dieser bluttriefende blonde Junge war, der "John Locke" ins Antlitz zischte, dass er "ihn nicht töten könne".

 Wer, verdammt nochmal, ist das bitteschön?! Zur spekulativen Fahndung für die nächsten Wochen ausgeschrieben. 


Nein, also so ganz einfach war dann alles doch nicht.

Wir sehen uns zur nächsten Folge, Bruder.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Viva Obscuria!

Als bedingungsloser Freund absurder Ländern, abseitiger Gerichte und sonstiger peripherer Genüsse war ich selbstverständlich sehr erfreut über das Entdecken eines, sich verheißungsvoll als "Atlas Obscura" anpreisenden Internetprojekts. Schließlich wollte man an dieser Stelle alle Wunder, Kuriositäten und sonstigen esoterischen Merkwürdigkeiten dieser Welt präsentieren. Dies ist natürlich eine reichlich dehnbare Kategorisierung. Folgerichtig ist hierbei eine bunte Mischung an interessanten, vorhersehbaren und noch nie gehörten Orten und Ereignissen aufgelistet (wiewohl jedoch speziell der Osten Europas ein wenig unterrepräsentiert ist, aber da kann ja was gegen getan werden!). Schon ein erster flüchtiger Blick über die Länder, die ich zu kennen glaubte, erbrachten mehr als eine Überraschung. Auch wenn bspw. Deutschland nicht sonderlich obskur daherkommt (aber immerhin drei verschiedene Typen an außergewöhnlichen Bahnen - Oberweißbach, Wuppertal, Dresden) so war ich angesichts der Kaplica Czaszek ein wenig von den Socken. Denn selbige befindet sich dann doch recht nah einer Gegend, in der ich mich in letzter Zeit recht oft herumgetrieben habe. 

Bei jener Sehenswürdigkeit, welche die deutsche Zunge auch gern "Schädelkapelle" betitelt, handelt es sich um eine kleine Kapelle bei Czermna, deren Wände, Decke und Altar komplett mit echten Schädeln, Knochen und Gebeinen tapeziert sind. Diese stammen von den Opfern des Dreißigjährigen Krieges und der Pest, welche einst die Umgebung von Kłodzko heimgesucht hatte. Muss ich unbedingt sehen. Wenn das nicht der perfekte, kulturelle Höhpunkt zum Osterfest ist. Ich kann es kaum noch erwarten!

Montag, 15. Februar 2010

Transsibirisches Internet

Bleiben wir doch noch einen Moment bei der guten, alten Eisenbahn. Die Königin der genießbaren Routen ist diesbezüglich ohne jeden Zweifel die Transib. Die Durchquerung des riesigen russischen Kontinents ist mit 9288km auf 80 Stationen unbestritten ein Lebenstraum, den sogar der eine oder andere eingeschworene Autofahrer kennt. Leider schaffen es die wenigsten, sich diesen Traum zu erfüllen. Daher ist es doch schön, dass es nun möglich ist, die Strecke wenigstens virtuell abzufahren. Mittels Google Map können die bedeutendsten Höhepunkte der Strecke genossen werden, untermalt mit passender Literatur, Musik und natürlich dem Herzschlag jedweder romatischen Fortbewegung - Schienengerumpel!

Ach, und André, heißgeliebter Besserwisser. Du hattest tatsächlich Recht, es handelt sich hierbei wirklich um die ganze Strecke, nicht nur die Höhepunkte. Was die ganze Angelegenheit natürlich nur noch - Achtung - abgefahrener macht! Aber, wie ich in geduldigsten Duktus letzten Freitag vor mich hin wiederholte, es sind dann doch keine 10 Tage bis Wladiwostock. Nicht mal von Berlin aus. Aber was kann es Schöneres geben als geminsam Recht zu haben. Auf jeden Fall bin ich heute Punkt 9:00 losgefahren. Mal sehen wie weit ich bis zum Feierabend komme.

Freitag, 12. Februar 2010

Ode an die Eisenbahn


Es gibt ja so Momente in der denen man die Geschwätzigkeit und Grenzdebilität von Tante Internet ein wenig bedenklich findet. Ganz im Sinne des Leitsatzes dieses Blogs, dass alles Vor- und Nachteile habe, erscheint die neugewonne Freiheit, das eigene Wort ohne viel Mühe weltweit publizieren können, bisweilen als nicht rundweg begrüßenswert. Der Penetranz einer ungebremsten Welle von Mitteilungsbedürftigkeit und Profilierungssucht kann nicht jeder etwas abgewinnen oder gar einen Vorteil darin erkennen. Auch ich, der ich mich prinzipiell als großen Anhänger der Möglichkeiten des Internets begreife, möchte manchmal an der sichtbarer gewordenen Vielfalt der Einfalt des Menschengeschlechts verzweifeln. Doch die Vorteile der Massenkommunikation bestehen. Mitten im modderigsten Schlamm findet sich doch immer wieder ein leuchtender Diamant. 

So wiederfuhr mir vor wenigen Tagen einer jener seltenen Momente. Ich recherchierte friedlich für die nächste Wandertour und fragte hierzu Freund Google nach "Bieszczady Ukraine". Flugs landete ich auf einer, mir bislang gänzlich unbekannten Seite, welche mir aufgrund ihrer Ausrichtung Tränen des Entzückens und der Fassungslosigkeit gleichermaßen in die Augen trieb. Eisenbahn und Osteuropa - ein teuflischer Mix, der mich schon seit Kindheitstagen elekrisiert. Dass wir uns hierbei quasi in den letzten Zügen befinden und schon unsere Kinder entweder im seelenlosen Hochgeschwindigkeitszug oder per Bus nach Prag oder Warschau fahren werden, macht die Angelegenheit für mich zusätzlich zu einer Herzenssache. Und nun stoße ich auf schienenstrang-nach-osten.de und könnte heulen vor Glück.

All die eisernen Kumpane, die mir auf etlichen Reisen ans Herz gewachsen sind, wie sie sich durch die unaufgeräumte, gelassene Landschaft schieben, endlose Pausen an gott- und ideolgieverlassenen Haltepunkten - voller Sehnsucht klicke ich mich durch die Fotos und erfahre vom Spezialisten dabei noch viel Wissenswertes mit dem beim nächsten Ausflug die jeweilige Reisebegleitung malträtiert werden wird. Es sind Augenblicke wie diese, die all den Schund und jegliche ertragene Belanglosigkeit die das Netz einem Tag für Tag ins Hirn spült, vergessen macht. Denn der Umstand, dass ich in der Lage bin ein so spezielles Nischeninteresse durch ein paar Fingerbewegungen zu finden, rechtfertigt in meinen Augen das gesamte Internet. 

Und auch wenn das Ganze anscheinend seit 2003 nicht mehr aktualisiert wurde, ist es in jedem Fall einen Ehrenlink von mir wert.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Neues von Sommersprosse

Keine Frage, wenn eine Folge "What Kate Does" betitelt ist, gerät die an sich schon galloppierende Vorfreude auf eine neue Lostfolge zur ungehemmten Raserei. Gehöre ich doch, rational betrachtet, zum verzücktesten Verehrer von Kate "Sommersprosse" Austen (dargestellt durch Nicole Evangeline Lilly). Egal was nörgelnde Kostverächter und geschmacksverirrte Ahnungslose auch immer behaupten - sie ist der Stern und das Licht so mancher dunklen Stunde auf der Insel. 

Noch lugt sie irritiert um die Ecke. Verlustbejaule und Herzschmerz setzen später ein. Die beiden einsamen Wölfe der Serie streifen nun wieder allein durch den Kontext.    

Doch soviel Neues gab es dann gar nicht von Sommersprosse. Verglichen mit dem Feuerwerk des Staffelbeginns kann diese Folge aber eher als gefühlvolle Aufarbeitungsfolge, welche den Tod von Juliet zum Thema hatte, betrachtet werden. Angesichts der Bedeutung auch nicht völlig Fehl am Platze. Nichtsdestotrotz kam mal wieder eine Menge heraus. Ich sage nur Claire. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Selbstredend, wenn eine wesentliche Person irgendwann unter mysteriösen Umständen verschwindet, und diese Frau auch noch die einzige mit Nachwuchs ist, dann wird das wohl nicht unter den Tisch fallen. Tut es auch nicht. Auf gar keinen Fall. Nein, höchstwahrscheinlich wird sie sogar eine tragende Rolle bei der Entwirrung des ganzen Kuddelmuddels spielen. 

Weinende Sommersprossen - nur unter Aufbietung aller Kräfte überstand ich diesen unerträglichen Anblick.

Ansonsten blieb alles verschwommen und andeutungsreich wie gewohnt. Dialoge wie, "Warum sollte ich dir vertrauen. - Du musst mir vertrauen! - Ich vertrau mir nicht mal selbst" gaben sich mit den üblichen, undeutlichen Andeutungen die Klinke in die Hand. Und so knobele ich bis jetzt auch immer noch, welcher Gefängnisausbruch vor drei Jahren, an dem Sommersprosse ihren khakifarben gekleideteten "Beschützer" niedergeschlagen haben soll, verdammt nochmal gemeint war. Ich mein, die bricht doch ständig irgendwo aus. Doch eines ist hierdurch klar - es gibt mal wieder irgendwelche Kontinuitäten die bedacht werden wollen und man eigentlich schon vor der Erwähnung erkennen sollte. Na denn...

Wir sehen uns zur nächsten Folge, Bruder.

Montag, 8. Februar 2010

Unendliche Fußballweiten

In Folge eines turbulenten, aber torlosen Unionspiels bewegte sich die Diskussion mit jedem weiteren Bier immer resoluter weg von der tristen Februarrealität, hin zu den schäumenden Möglichkeiten eventueller Sternstunden. Da in unserer Runde seit längerem auch wer ist, der auf einer eine gewissen Affinität zum 1.FC Köln beharrt, und eben jener, aus unergründlichen Motiven heraus so schlicht wie abgehoben einfach nur "FC" genannter Verein, aktuell ungeahnte Höhen des DFB-Pokal-Olymps erklimmt, lag eine kleine europäische Reiseträumerei auf der Hand. Die Frage der Fragen war die nach der weitestmöglichen Reise. Wohin könnte der Ball also im nächsten Jahr rollen? Es versteht sich von selbst, dass eine solche Frage auch vom "FC" losgelöst betrachtet werden kann. Schließlich hat Europa Zeit. Nach dem ich dann dem rostig-vergrämten Montag in sein schauriges Antlitz blickte, erschien mir nix nötiger als ein Fortfahren jener Reiseschwelgerei. Kurbeln wir daher die Informationsmaschine an und schauen mal genauer hin.


Perspektive Kasachstan: Nun ist man ja putzigerweise schon seit einiger Zeit der Auffassung, dass, jedenfalls in fußballerischer Hinsicht, der gigantische Flächenstaat im Osten elementarer Bestandteil Europas sei. Ein Blick auf die Tabelle zeigt jedoch dass der östlichste Ligateilnehmer (Жетісу Талдықорған * Shetisu Tadykorghan) leider mit 13 Punkten Abstand auf einen UEFA-Cup-Platz verhungert. Schade. Also müssen wir mit den westlicheren Metropolen Kasachstans Vorlieb nehmen. Und da würde sich natürlich die frischgebackene Hauptstadt Astana anbieten. Die in blau-weiß spielende Lokomotive Astana, welche gegenwärtig, obacht, von Holger Fach auf dem zweiten Tabellenplatz gehalten wird, wäre eine gar prächtiges Schmankerl für das Auswärtsspiel des Jahrhunderts. Eine typische Anreise für die schlanken 3880km könnte hier so aussehen: 81 Stunden Fahrt, dreimal Umsteigen (Moskau, Swerdlowsk, Petropawlowsk).

Russische Weiten: Ein kurzer Blick auf die Europakarte lässt kaum einen anderen Schluss zu - Russland sollte ein direkter Konkurrent des kasachischen Plans sein. Schauen wir also mal kurz auf die Tabelle! Diese ist dahingehend jedoch ein wenig ernüchternd. Die zwei UEFA-Cup-Plätze gehen an Moskau, die CL-Plätze werden zwischen St.Petersurg, Moskau und Kazan aufgeteilt. Dabei ist selbst die Tatarenperle an der Wolga ein lächerlicher Katzensprung und kein Vergleich mit den kasachischen Rekorden. Lächerliche 43 Stunden mit einem Umstiegspunkt in Moskau wären erforderlich um die Mannschaft nach Kazan zu begleiten.

Orientalische Avancen: Neben Kasachstan gibt es natürlich noch andere europäische Wackelkandidaten. Wie zum Beispiel die Türkei. Mit Trabzonspor gibt es hier einen Kandidaten, der noch gute Chancen auf die UEFA-Qualifikation hat und Trabzon liegt weit hinten im europäischen Abseits. Nur hat es eben auch keinen Bahnhof. Dies erschwert die Anreise natürlich immens. Immerhin 3290km werden von Googlemaps hier ausgespuckt. Da muss also ein wenig improvisiert werden. Bis Istanbul braucht es erstmal stolze 45 Stunden (mit Umstiegepunkten in Budapest und Sofia) dann folgt eine 17stündige Busfahrt nach Trabzon. Zugegeben, nicht schön, aber der überraschende Zweitplatzierte in diesem reizenden Wettbewerb.

Wüste Konstellationen: Und damit kommen wir zu Israel. Die Kontinentfrage lassen wir hier mal gelassen beiseite und widmen uns ganz der Streckenbewältigung. Natürlich spielt es hier keine übergeordnete Rolle ob es nun Tel Aviv, Haifa oder Jerusalem werden würde. Wie würden wir denn da nun am besten hinkommen? Da wir ja,  wie spätestens jetzt klar gewurden sein dürft,e den Boden nicht verlassen wollen und vorzugsweise auf Schienen reisen wollen, stehen wir hier vor einer wirklichen Herausforderung. Und weil es so schön ist und mich auch die größte Anstrengung gekostet hat, präsentiere ich die Verbindung mal in vollständigster Detailtreue.

Berlin Hbf 10:36 (erster Tag)

Budapest-Keleti an 22:32/ ab 23:00 

Sofia an 17:37/ ab 19:10 (zweiter Tag)

Istanbul Haydarpasa an 9:25/ ab 8:55 (dritter und vierter Tag)

Aleppo an 14:17 (fünfter Tag)/ ab 16:45

Damascus an 21:02/ ab 8:00 (sechster Tag)

Amman an 17:00 -> ab hier mit Taxi über die Allenby Bridge und von dort mit dem Bus in einen gewünschten israelischen Ort unserer Wahl. So dass man - geht's noch symbolischer? - am siebten Tag im heiligen Land ausruhen darf.

Ich fasse zusammen: Eine Fahrt nach Israel würde locker die 120-Stunden-Grenze überschreiten und wäre somit an und für sich der offizielle Sieger. Aber irgendwie hätt ich darauf nur bedingt Lust. Ich biete an, dies umgehend zu vergessen.

Mediterrane Gelegenheiten: Der Vollständigkeit blicken wir auch in die südlichen und westlichen Winkel unseres geliebten Kontinents. Da wäre der US Palermo mit wackeren 2050km für die solide 31 Stunden und möglichen Umsteigepunkten in München, Verona und Florenz oder Sporting/Benfica Lissabon mit respektablen 2788km. Hierfür würde man immer noch 42 Stunden (also Kazan-würdig!) brauchen. Was auch kein Wunder ist bei angebotenen Umstiegepunkten in Offenburg, Strassbourg, Paris und Irun. 

Ansonsten gibt es kaum noch Ziele, die die 24-Stunden-Grenze durchbrechen. Somit wäre unsere Vermutung also bestätigt: Offizieller Sieger wäre Kasachstan. 

In diesem Sinne! Da kommt gewaltig  Fernweh auf und ich kann nur nochmal ausdrücklich verkünden, dass ich auf all diese Ziele gewaltig Geißbock drauf hätte. Doch zuvor sollte man sich vielleicht doch noch mal kurz auf Augsburg konzentrieren. Ist ja auch nicht direkt ein Nahziel...

Übrigens. Für solche Spielereien ist folgende Seite mehr als empfehlenswert: seat61.com 

Donnerstag, 4. Februar 2010

Vom Beginn des Endes einer Ära

Es ist soweit. Das letzte Kapitel von Lost ist angelaufen und bevor ich mich dazu näher auslasse -  Schön, dass ihr wieder da seid. Hurley, Sommersprosse, Sawyer - ihr habt mir gefehlt. Ich weiß, was ich erst vor Kurzem über Ersatzwelten und ihre Auswirkungen auf die mögliche Freiheit des Geistes schrub, aber das hier ist was gaaanz anderes. Und damit kommen wir zu einem eklatanten Zielgruppenproblem. Diejenigen, welche mit mir diese Faszination nicht teilen, werden galant über den nachfolgenden Beitrag hinweggehen, während die anderen ihn ebenfalls panisch wegklicken werden, da wir uns in heimischen Breiten ja noch eine ganze Staffel vor dem hiernach Geschilderten befinden. Aber sei's drum.

Doch bevor wir richtig mit der Manöverkritik beginnen, sei mir ein wenig Gefühligkeit gestattet. So schön es ja nun auch immer ist, dass wieder neue Lostfolgen laufen, es ist gleichsam auch der Abgesang auf eine Zeit des gemeinsamen Fluchens und Stöhnens ob der, mit jeder neuen Folge aufgetürmten Rätsel, Ungereimtheiten und Mysterien. Mit dieser Staffel soll nun alles enden. Und nicht nur das. Angeblich soll auch alles gelöst und aufgeklärt werden. Ich für meinen Teil bezweifele das sehr. Wie man in den noch verbleibenden, läppischen 16 Folgen tatsächlich alles klären will, ist mir gelinde gesagt schleierhaft. Nichtsdestotrotz gibt es ein Ende. Wir alle wissen, dass nichts schlimmer ist, als eine, der kommerziellen Ausschlachtung preisgegebene Serie, deren verfranste Zusammenhänge im fauligen Winde verzweifelter Umschreibungen von verdammenswerten Drehbuchhuren baumeln. Wie man auch bei den wenigen richtig guten Büchern mit Wehmut auf die Dünne der noch vor einem liegenden Seiten schaut, so sieht man nun auch bei Lost bang dem Ende entgegen. Man könnte es also fast so zusammenfassen: Alles was kein Ende hat, ist zwangsläufig von minderer Qualität.

Doch genug der Vorrede. Es wird keinen überraschen, dass einen die erste Doppelfolge von den Socken haut. Schließlich sollte eine Staffel, die an eine explodierende Wasserstoffbombe anschließt, selbst im schlimmsten Falle eine gewisse Spannung mit im Gepäck haben. Doch es wäre nicht Lost, wenn diese nicht nochmals gesteigert würde. Selbstredend bietet uns das Gesehene keinen wirklichen Aufschluss darüber, ob die Bombe denn nun den gewünschten Effekt gebracht hat. Man behilft sich hier, wie so oft, mit einem soliden "sowohl-als-auch-mindfuck". Ich gebe zu, dass mich der Handlungsstrang, in dem es geklappt hat, ein wenig durcheinander gebracht hat, und meine, ansonsten sicher geglaubte Theorie bröckeln ließ. Ich ignoriere diese Schiene also vorerst und beharre darauf, dass ALLE tot sind, bzw. als Geister, Götter oder ähnliches herumverwirren. Die Insel ist nichts anderes als eine Art Vorhölle, Fegefeuer oder sonst wie ausgegrenzt von der physischen und temporären Wirklichkeit. Hier findet der ewige Konflikt zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel, Chaos und Ordnung statt, und bezieht hierbei die unbekannte Variable Mensch mit ein. Wo und wofür der Mensch steht ist zumindest das zentrale Interesse der einen Seite (Jacob) in dieser Auseinandersetzung, wobei es der anderen Seite (Samuel) vielmehr darum geht, den uralten Kampf endlich siegreich zu beenden, ohne sich dabei um das Wohl und Wehe des überschätzten Menschengeschlechts zu scheren. Soviel zu meiner Theorie. Sicher, hat ne Menge Lecks und Ungereimtheiten, aber besser als totale Ratlosigkeit.   

Ansonsten hat mich überrascht, dass man schon in der ersten Folge eines der älteren Geheimnisse lüftete. Sicher, es kamen, wie üblich, auch noch einige hinzu, aber dass wir nun endlich wissen, wer hinter dem Rauchmonster steckt (auch wenn dessen Identität natürlich auch noch nicht endgültig abgeklopft ist), das ist doch schon mal was. 

In diesem Sinne - wir sehen uns in der nächsten Folge, Bruder!

Mittwoch, 3. Februar 2010

Vistenkarte einer Spezies

Damals, 1977, als man mit Voyager weder die Verhöhnung der Star-Trek-Idee noch Kreuzfahrtschiffe in Verbindung brachte, schoss eine Rakete in den Himmel um den vielfach belächelten Plan in die Tat umzusetzen, uns ein wenig bekannter in der Nachbarschaft zu machen. Die goldbeschichteten Kupferplatten, welche Voyager I und Voyager II enthielten, sollten möglichen Außerirdischen einen profunden Überblick zum Absender liefern. Dies ist soweit relativ bekannt. Verschiedene Filme und Bücher bezogen hieraus ihre Inspiration. Doch was genau enthielten die Platten eigentlich, bzw. wie stellt man sich als spezies am besten vor? Bislang wurden die enthaltenen Informationen nur verkürzt bekanntgegeben. Doch jetzt kann man im Netz bestaunen, wie unsere Vorstellungsrunde en Detail aussieht.

Die Bildbeispiele ließen mich dann stückweise doch ein wenig verwirrt zurück. Klar, dass wir mit den Sternenkindern kurz über Mathe und Bio diskutieren müssen, aber sollte man Fragen der Befruchtung nicht vielleicht doch erst beim zweiten Date ansprechen?! Oder was bitte hat das folgende Bild mit einer gesitteten Vorstellungsrunde zu tun?


Lecken, essen und trinken. Dargestellt in einer mehr als abstrus erscheinenden Vorführung. Also ich weiß nicht. Falls es hier darum ging, wie es beim ersten gemeinsamen Essen zugehen könnte, das hätte man ja nun auch später klären können. Einladend sieht das jedenfalls nicht aus.

Auch bei den Tonbespielen musste ich ein wenig die Stirn runzeln. Mir war ja nur dunkel in Erinnerung, dass da einige Begrüßungsfloskeln und klassische Musik draufgespielt wären. Aber weitgefehlt. Selbstverständlich gehört zu einem abrundenden Bild unserer Spezies auch ein "Initierungslied pygmäischer Mädchen"oder ein georgischer Chorgesang namens "Tchakrulo", bereitgestellt von Radio Moskau. Prinzipiell ist so eine bunte Mischung natürlich schon besser als die Hits der 50er, 60er und das Beste von damals, aber wenn man sich mal kurz in so nen armen Außerirdischen hineinversetzt, wie er sich daraus ein Bild machen soll. Also das entschuldigt natürlich keine Invasion, aber es würde einiges erklären! 

Von erschlagenden Zeilen


Schlaftrunken und sekretverkrustet wie ich seit Neustem zu grausam früher Stunde an den Schlagzeilen des Tages vorbeiwanken muss, war ich heute dann doch mehr als üblich irritiert. Was soll ich also bitte von obenstehender Frage halten, lieber Kurier?! 18 Prozent, 18 Uhr, 18 Leute oder gar Euro?! Geht's noch diffuser?! Ich weiß, in deinem Geschäft müssen Titel griffig und kompakt daherkommen, aber dann rechne nicht mit mir. Morgens muss man sehr einfühlsam mit mir sein. 

Montag, 1. Februar 2010

Frisch gelesene Bücher: His Dark Materials

Als vor einigen Jahren, just in der Vorweihnachtszeit ein Film namens "Der goldene Kompass" angepriesen wurde, brauchte es nicht viel um mich ins Kino zu bringen. Schließlich war es in den Jahren zuvor zu einer beschaulichen Tradition gewurden, vor dem Großen Fressen der dekadentesten drei Tage des Jahres gemeinsam in die letzte Vorstellung des Heiligabends zu spazieren. Wir waren natürlich ein wenig verwöhnt durch den Umstand, dass die Jahre zuvor jeweils eine neue Ausgabe der hochverehrten Ring-Trilogie zu genießen war. Doch auch trotz Nicole Kidman und jeder Menge verfilmungsbedingter Schmalzdialoge spürte ich das mögliche Potential, welches in der Literaturvorlage liegen könnte. Daher speicherte ich das Lesen von His Dark Materials als Vorhaben fest ab und setzte es vor einigen Monaten auch in die Tat um. Nun ist es soweit, dass ich nach mehrwöchigen Aufenthalt in der Welt zwischen den Welten, welche Pullman wie es scheint, mit leichter Hand geschaffen hat, aufgetaucht bin und, wie üblich, meine Kritik der Welt mitteilen möchte.

Was ich nach Ansicht des Films (wie so vieles mehr) nicht ahnte, war der religionsfeindliche und kirchenkritische Aspekt, der im Werk Pullmans steckt. Nun gehört ja wahrlich nicht sonderlich viel dazu, um die religiösen Schutzvereine unserer geliebten Weltmacht aufzuschrecken, doch die Reaktionen zum Film ließen mich dennoch etwas aufmerken. Ob es allein deshalb keine Fortsetzungen gegeben hat?! Wer kann das schon wissen? Auf jeden Fall kommt die antiklerikale Stoßrichtung in den Büchern entschieden deutlicher rüber als die diesbezüglich sanften Andeutungen des Films.

Daher also schon mal eine direkte Empfehlung an all jene atheistisch gesinnten Menschen da draußen, welche die Fantasie der Jugend zwar anfeuern, den kritischen Geist jeglicher Institutionalisierung des Überirdischen gegenüber nichtsdestotrotz am Leben halten wollen. Denn das Manko so mancher Fantasywerke ist ja in meinen Augen, dass die angebotene Ersatzwelt soviel Faszination ausübt, dass - gewagte These - der eingefleischte Adept solcher Werke religiösen Vereinnahmungen offener gegenübersteht als zuvor. Muss nicht sein, kann aber. Nichts spricht gegen Klingonenuniversitäten und Hobbitkommunen - ein gewisser augenzwinkernder Fanatismus hat durchaus was, doch schon bei Jedi-Kirchen schleicht sich ein fader Beigeschmack hinzu. Man mag hier einwenden, dass jegliche Aufweichung der starren Weltreligionsstrukturen nur von Vorteil sein kann (ob nun Maradona, Heavy Metal, das Fliegende Spagettimonster oder das unsichtbare rosafarbene Einhorn), doch letztlich hat all das eben auch den Nebeneffekt, ein pseudeoreligiöses Lebensgefühl entstehen zu lassen, dass bei leichter beeinflussbareren Individuen eine höhere Akzeptanz von Lehren fördern könnte, die von Pullman dann eben doch als das abqualifiziert, was sie immer waren und immer sein werden: "Überzeugende und einflussreiche Irrtümer" Diese Stellungnahme, welche sich durch das gesamte Werk zieht, kann in meinen Augen nicht wichtig genug genommen werden und stellt eine wohltuende Ausnahme in der gesamten westlichen Fantasyliteratur dar.  

Die drei Bücher Pullmans, welche auf knapp 1400 Seiten zwischen phantastischen Realitäten und unserer Wirklichkeit hin und her pendeln, dabei ernsthafte, wissenschaftliche Erkenntnisse mit Versatzstücken aus Religion und Schamanismus anreichern, sind in dieser Hinsicht hervorzuheben. Die nie langweilig werdende Erzählung von Lyra und Will ist im Wesentlichen nichts anderes als die zartfühlende Beschreibung des schmerzhaften Prozesses des Erwachsenwerdens. Dies wird mit, für meinen Geschmack sehr düsteren und äußerst bedrängenden Methoden erreicht. Für empfindsamere Jugendliche ist das Ganze daher nur unter Vorbehalten zu empfehlen. Doch außergewöhnlich an diesem Werk ist, dass es neben den üblichen Beobachtungen von Erkenntnis und Verantwortung, die das Älterwerden mit sich bringt, eine deutliche Botschaft mitbringt. Eine deutliche und unverbrämte Warnung vor jenen Kräften, die versuchen, den freien Geist zu unterdrücken und Willkür und Aberglaube stärken. 

Fazit: Wer also Lust hat auf eine Reise in die abstrusen Abgründe unserer Seele und Lust verspürt, die aberwitzigen Höhenflüge, die Liebe möglich macht zu ergründen, dem seien diese Bücher wärmstens empfohlen. Wem zudem die üblichen Wege des fantasygetränkten Gut-Böse-Szenarios ein wenig zu ausgetreten erscheinen, dem sei diese Trilogie mit noch besseren Gewissen ans Herz gelegt.