Mittwoch, 30. November 2011

Probieren geht über Studieren

Selbst wenn man mich in jüngerer Vergangenheit nur in homöopathischen Dosen genießen durfte, weiß man, so das Thema nur geringfügig am Komplex “Bildung an Berliner Schulen” vorbeischrammte, gerate ich mit gnadenloser Zuverlässigkeit in Rage und geriere mich nicht selten gar als erbarmungsloser Eiferer. Deshalb hier ein ausführlicher Hintergrundreport. Jede Menge Text ganz ohne Bilder – dem Thema angemessen!

Seine Ursache hat meine offensichtliche Unzufridenheit darin, dass ich nun schon seit geraumer Zeit an vorderster Front stehe bei den Schlachten im Berliner Erziehungsdickicht. Anfangs reagierte ich noch irritiert angesichts der sonderbaren Ansprüche, merkwürdigen Konzepte und bizarr anmutender Herangehensweisen, die in unseren Schulen anscheindend auf der Tagesordnung standen. Wie bei kaum einem anderen Schnittpunkt in den Erwachsenen-Kind-Beziehungen spürte ich hier jenen widerwärtigen Unmut aus der autoritären Ecke aufsteigen, welcher stur behauptete, “dass das früher besser gewesen sei und dies auch aus gutem Grund”. Ich konnte nicht begreifen, was an Pflichtlektüre, Diktaten und Noten schlecht sein sollte, warum auf Hausaufgaben und Gedichte auswendig lernen verzichtet, weshalb Sitzenbleiben verboten und der Klassenverband praktisch aufgelöst wurde. Kurz ich war ratlos und verzweifelt! Mit der Zeit nahm mein Interesse an der von mir ausgemachten Misere immer mehr zu, Berlin warf sich währenddessen freudig kreischend in eine weitere Bildungsreform und zu guter Letzt sah ich erstaunt, dass ich Elternvertreter geworden war.

In dieser Funktion unternahm ich heute den lang versprochenen Hospitierausflug um zunächst einmal das pädagogische Konzept in seiner funkelnden Gänze zu begreifen. Ich trat an um zu verstehen. Bei aller Abneigung und Skepsis wollte ich zuvorderst nichts anderes als verstehen. Denn so ich es ermöglichen kann, ziehe ich es gemeinhin vor, über etwas herzuziehen, was ich kenne und verstehe. Prinzipiell ist dies dem umgekehrten Modell eigentlich fast immer vorzuziehen. Andererseits ist es mit der Pädagogik so eine Sache. Ich weiß von meinen beiden Fachgebieten, wie anstrengend das unqualifizierte Genörgel von Zeitzeugen, Laien und anderen Muggeln sein kann, und man einfach nur Ruhe und Vertrauen für seine Arbeit einfordern möchte. Es versteht sich von selbst, dass auch in der Pädagogik eine Entwicklung stattfinden muss, dass neue Sachen ausprobiert gehören und Fortschritte auch durch Misserfolge zustande kommen können. Doch die Objekte des Prozesses sind hier nun eben Menschen (Menschen mit denen man Tag für Tag zusammen ist und deren Lebensweg einem irgendwie am Herzen liegt!) und deshalb habe ich festgestellt wie beschränkt meine Experimentierlaune dann doch ist.

Die Schulexkursion war bitter nötig. Denn allein der Wust an neuen Begriffen hinter dem sich die Reformpädagogik versteckt, und daher gewaltig an des Kaisers neue Kleider erinnert, ist keinesfalls eine vernachlässigbare Bildungslücke. Oder kann irgendwer der gerade mitlesenden Schulabsolventen etwas mit den Begriffen Kompetenzraster, Lernbüros, Zertifikaten oder den ominösen Modi Basis, Kompakt und Master anfangen? Nein, ich jedenfalls nicht und dementsprechend ahnungslos stehe ich dann auch den täglichen Erlebnisberichten aus der Schule gegenüber. Deshalb hier eine kleine Einführung.

Die Schule besteht aus verschiedenen Lernbüros der jeweiligen Fächer (im Endeffekt so etwas wie Klassenräume in unserer Zeit). Jeder Schüler hat die freie Wahl zu entscheiden wo und wieviel er diese besucht. Auf diese Weise gestaltet er seinen eigenen Stundenplan. Einzige Anforderung ist, dass er in den belegten Fächern in einem groben Zeitraum eine gewisse Anzahl an Zertifikaten erreicht (bis Klasse 8 wird selbstverständlich auf Zensuren verzichtet). Um sich auf diese Zertifikate (auf diesen steht dann alles was der Schüler nun offiziell kann, jedoch nicht was er nicht kann), welche bei Nichtbestehen einmal wiederholt werden können, vorzubereiten, sucht sich der Schüler selbstständig bereitliegende Arbeitsmaterialien heraus, die er dann während der Schulzeit abarbeitet. Nach Absolvierung der Arbeit gibt es “Stuhlkreise” bei denen alle Schüler zusammen sitzen und ihre Leistungen beurteilen und dies von den “Lernbegleiter” (mit dieser Berufsbezeichnung versehen sich die Lehrer hier und meinen das völlig ernst!) bestätigen oder verneinen lassen. Im Endeffekt sehe ich einsame Schüler, die verbissen und lustlos über ihren Aufgaben sitzen. Der Kampf gegen den verhassten Frontalunterricht hat hier dazu geführt, dass dem individuellen Lernen keine Schranken mehr gesetzt sind. Dies jedoch auf Kosten gemeinsamen Lernens. Jeder lernt für sich allein. Der in Eigenverantwortlichkeit erblühende Einzelkämpfer – einfach nur entzückend! Außerdem sehe ich das Ziel, dem Schüler Frustration und Versagensängste zu nehmen, in dem man auf Zensuren verzichtet, als nicht erreicht an wenn ich den gesenkten Blick vieler Schüler sehe, die heute ihren misslungenen Zertifikatsversuch in den Händen halten. Ob 1 oder 6 oder die Wunderwelt der Zertifikate – Versagen und Triumph wird es (und ich meine MUSS) es weiterhin geben um Fortentwicklung zu ermöglichen.

Hausaufgaben gibt es keine, aus verschiedenen Gründen. Entweder weil, wie ein Lehrer gegenüber den Schülern meinte, er keine Lust hätte alles zu korrigieren (sic!), oder weil, wie es eine Lehrerin gegenüber Eltern anfangs unglücklich versuchte zu erklären, man doch von den Kindern nicht erwarten könne, zu Hause etwas anzufassen, was sie alleine gar nicht verstehen würden. Offiziell ist aber wohl der Grund, dass das gesamte Konzept von einer Intensivierung des eigenverantwortlichen Lernens ausgeht und man daher hofft, dass der Schüler irgendwann von selbst begreift, dass er auch zu Hause etwas tun muss, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Ebenso gestaltet es sich mit eventueller Pflichtlektüre, eines meiner am erbittertsten verfochtenen Ziele. Wie, so gellte mein hysterischer Entsetzensschrei allzu oft zum Himmel empor, sollen wir Kindern, welche mehr als alle Kinder vor ihnen vom Lesen weggelenkt werden, zu Lesenden machen, wenn nicht mit Zwang. Ob man später Freude am Lesen hat oder nicht, aber die Fähigkeit des flüssigen Lesens ist ein sozialer Indikator sondernormen. Und dies erlernt man eben nur durch regelmäßige Praxis. In diesem Punkt bleibe ich hart. Auch weil ich mir von Lesen noch jede Menge andere Synergieeffekte verspreche. Doch was meinte die Direktorin zu diesem Ansinnen? Das Kind müsse allein seinen Weg zum Lesen finden. Wenn es nicht angerührt wird vom Gelesenen dann wird es nie Spaß am Lesen empfinden. Ach… das sind dann so die Momente in denen ich jene unüberwindbare Müdigkeit empfinde.  

Denn dies ist wohl das Credo jener reformpädagogischen Überzeugungstäter: Alles was wehtun könnte, alles was anstrengend sein könnte und schließlich alles was nicht als anregend wahrgenommen wird, damit wird das Kind nicht belästigt. Denn schließlich wird es irgendwann allein, bzw, sanft von seinen “Lernbegleitern” dorthin geschubst werden. Dann begreift der Jugendliche plötzlich was nötig ist um zu wachsen und zu verstehen. Immer auf’s Neue wiederholt die euphorisch ins Morgenrot blinzelnde Direktorin, dass wir nur Geduld haben sollen. Es ist eine “konzeptimmanente Begleiterscheinung”, dass Kinder anfangs jene Freiheit als Recht auf Faulheit interpretieren würden. Doch eher früher als später würde sie die Erkenntnis ereilen, dass nur sie selbst ihren Erfolg in der Schule in der Hand haben. Und jene auf dieser Erkenntnis resultierenden Lernerfolge seinen als bedeutend nachhaltiger und wertvoller anzusehen, als die von herkömmlichen Bildungserfolgen. Hier würde dem Jugendlichen auf diese Weise mehr mitgegeben als nur schnödes Wissen und papierene Beglaubigungen.

Daher erzeugt man mit idealistischer Neuerermanier ein Lernverhalten, welches hinsichtlich der Wissensaneignung an universitäre Betriebe angelehnt ist, seine Bewertungs- wie Leistungsmaßstäbe dagegen eher nach Pfadfindermaßstäben konstruiert. Ich bleibe skeptisch und wachsam, denn ich halte dieses System selbst für manchen Erwachsenen als zu anspruchsvoll. Doch verzweifelt bin ich nicht mehr.

Wie wir zum Abschluss noch tröstend mit auf den Weg bekamen: "Machen Sie sich keine Sorgen, die finden alle ihren Weg". Genau. Es gibt hervorragende Architekten aus Waldorfschulen und gescheiterte Existenzen aus der Premierleague der EOS. Letztlich wird er seinen Weg finden. Welche Rolle die Schule hierbei spielt, wird sich zeigen. Stolz auf mein neu entdeckte Gelassenheit schlenderte ich über den Schulhof. Bis zum nächsten Mal.      

Freitag, 25. November 2011

DBile Schiene

Es gibt ja manchmal Augenblicke in denen man etwas sieht, wo man ernsthaft gepalten ist zwischen Anerkennung und Neid. Beim Besichtigen dieser überaus angemessenen und aber auch naheliegenden Ergänzung ergriff mich ein solches Gefühl.

bahnkritik

Verdammt! Naja, wenigstens weiß man jetzt was man in gewissen Momenten Sinnvolles tun kann, wenn die Verzweiflung mal wieder am überborden ist und die Wut auf die Totengräber der Eisenbahn über Hand nehmen will.

Montag, 21. November 2011

Schlussakte LOST

E

Es mag dem aufmerksamen Leser dieses Blogs nicht entgangen sein, dass ich, obzwar ich die letzten Folgen von LOST mit atemloser Leidenschaft live und öffentlich kommentierte, ein solides Schlusswort zu alldem verwehrte. Dies geschah hauptsächlich aufgrund akuter Verwirrung und nicht geringer Unsicherheit, irgendetwas nicht wirklich verstanden zu haben, mit dem mich die letzten 100 Minuten LOST vor einem guten Jahr zurückließen. Nun ist ein wenig Zeit vergangen, die erhitzten Diskussionen sind abgeebbt und ich nutzte den grauen November um mich erneut auf die Insel zu begeben.

Nach 121 Folgen (erste und unumstößliche Vorgabe für jedwede Diskussion über LOST muss sein, dass diese Serie keineswegs im traditionellen Fernsehwochenrythmus, sondern im en-bloc-Modus genossen gehört!) fühle ich mich nun ausreichend gerüstet, um fachgerecht zu resümieren und abzuschließen.

Eines sei gleich vorweggenommen: Der neuerliche Genuss aller Folgen führte keineswegs zu neuen Erkenntnissen oder einem besseren Verständnis. Ich bin weiter verwirrt und unsicher hinsichtlich vieler offener Fragen. Doch das erneute Sehen der Serien brachte mich auch zu dem Schluss, dass die Auflösung der unzähligen Geheimnisse, Unklarheiten, Rätsel, Mythen, Fragmente und Timelines gar nicht von Belang ist, ja der Grundschwingung von LOST sogar zuwiderlaufen würde. Die ewige Litanei mancher Nörgler, welche zwar zwanghaft weiter schauten, aber währenddessen unablässig weissagten, dass “die das niemals alles auflösen könnten”, basiert auf einem grundsätzlichen Missverständnis. Das Gesamtkunstwerk LOST begreift sich nicht in diesem Sinne. Der herkömmliche Spannungsbogen zahlreicher Filme, Serien und Bücher, Fragen aufzuwerfen und sie zum Ende in irgendeiner Weise zu einer schlüssigen Lösung zurückzuführen, greift hier nicht, würde das Konzept von LOST letztlich sogar herabwürdigen.

Sicher kann man von dem gängigen Drama-Motiv , welches die Serie nutzt in die Irre geführt werden. Schließlich ist LOST nicht der erste Versuch welche sich mit den ewigen Menschheitsfragen wie Gut und Böse, Wissenschaft und Glauben, Schicksal und Bestimmung, Egoismus und Verantwortung auseinandersetzt. Doch lassen die Autoren dem Zuschauer, so er sich darauf einlässt, hier in vielen Belangen die Freiheit der Deutung. Dies geschieht selbstredend zu dem Preis, dass es wie im Leben, keine wirklichen Antworten gibt, dafür aber immer nur noch mehr wirkliche Fragen.

Dies mag nicht jedem seins sein, doch die Erfahrung weiß zu berichten, dass noch die unterschiedlichsten Charaktere und Geschmäcker hieran ihren Gefallen gefunden haben. Doch dies liegt meines Erachtens in der eigentlichen Stärke von LOST begründet – der menschlichen Komponente. Mir ist hierfür wirklich kein besserer Ausdruck eingefallen, aber was mir bei der zweiten Durchsicht auffiel, befreit vom Druck des Begreifenmüssens und des kein-Detail-oder-Zwischenton-übersehen-Dürfens, ist die unvergleichliche Qualität der Einzeldarsteller und der sich entspinnenden Beziehungen zueinander. Abgesehen vom rein Handwerklichen, also den außergewöhnlichen, schauspielerischen Leistungen, ergänzt durch meisterhaftes Verweben mit Bild- und Toneffekten ergänzt von reizvollen kulturellen und literarischen Referenzen (die special effects sind zugegebenerweise nicht immer vom feinsten!) kommt hier zweierlei zum tragen, was diese Serie in meinen Augen außergewöhnlich macht: Jenseits des Mahlstroms der Normalität und der Gewissheit eines geordneten Alltags kennt jedes Leben jene besonderen Momente die die Extreme der Gefühlswelt herauszukitzeln vermögen – wahrhaftige Liebe, glühenden Zorn, selbstlose Zuneigung, grenzenlosen Hass, bösartigen Neid oder echte Freundschaft. Zahllose Künstler versuchten und versuchen stets mit unterschiedlichsten Methoden diese Momente einzufangen und der großen Masse zu vermitteln. Selten gelingt dieses Unternehmen ohne in Kitsch und Unglaubwürdigkeit zu versinken. Insbesondere transatlantische Produktionen stehen oftmals für effektheischende und durchschaubare Gefühlsmanipulationen. Nicht so bei LOST. Selten haben mich fiktive Charaktere und deren Erlebnisse derart stark bewegt. Dafür Danke.

Die zweite Sache, die mir auffiel ist eng an das eben beschriebene Phänomen gekoppelt. War ich beim Erstgenuss noch teilweise geschockt bis genervt von all dem Verrat und Betrug, von den Doppelspielchen und Ränkeschmieden; konnte ich gewissen Figuren ihre Taten einfach nicht verzeihen und trug ihnen ihre Taten bis zuletzt nach, so erkannte ich beim zweiten Sehen hierin eine ungeahnte Qualität der Serie. Verschafft LOST doch auf nahezu spielerische Weise eine wertvolle Perspektive auf das Zusammenleben von Menschen. Wir alle machen während unserem kurzen Aufenthalt auf diesem Planeten eine Entwicklung durch, wir machen dabei Fehler, unverzeihliche, nie wieder rückgängig zu machende Fehler (“Was geschehen ist, ist geschehen”), doch wir sind nicht unsere Fehler. Jeder Mensch verdient nicht nur eine zweite Chance, sondern auch eine dritte. Allein auch weil wir uns durch diese Fehler verändern, ist es nur natürlich, dass es zu Neubewertungen und nie erwarteten Neukonstellationen zwischenmenschlicher Beziehungen kommen kann. Allein für dies – die glaubwürdige Darstellung dieses ständig in Bewegung befindlichen komplexen Gewusels sozialer Verstrickungen gebührt LOST Respekt. Und natürlich nochmals Dank.

Ich bin mir nach dem erneuten Genuss der Serie mehr als sicher, dass hier etwas geschaffen wurde, was die reizüberfluteten Ausstoßmargen gegenwärtiger Fernsehserien überleben wird. LOST wird auch in 20 oder 50 Jahren noch ein Begriff sein, jedenfalls für mich. Und damit ein letztes Mal Danke. Bis zur nächsten Durchsicht.    

Freitag, 18. November 2011

Assholy

Da müsst ihr jetzt durch. Da ihr, wie ich euch kenne, schon naseweis nach unten gelugt habt, und das nicht sonderlich appetitliche Abbild eines Hundehintern ausgemacht habt, beginne ich mal gleich vorweg mit einer Entschuldigung. Fäkalhumor und Ekelkalauer sind ja sonst eher nicht so meins, doch wenn Religionsverhöhnung und Hunde zusammenkommen, muss ich einfach. Ich kann nicht anders.


Es ist einfach zu schön. Ich vermute in dieser ganzen Jesusabbildmanie ja schon von jeher ein äußerst difiziles und langfristig angelegtes Manöver irgendwelcher ausgebuffter Kommunikaationsguerillas. Oder dürfen wir die Dummheit der Menschen tatsächlich so exzessiv einschätzen, dass sie auf so etwas ganz allein kommen? Wahrscheinlich schon. Aber so ein gepflegter Hundepopo schlägt dann doch fraglos jeden Wasserfleck, sämtliche Spiegeleier oder sonstigen Anbetungssurrogate. Was mich dabei noch mehr überraschte, ist, dass es sich hier tatsächlich nicht um den letzten Arsch handelte, sondern es mehr davon gibt. Siehe unten:


Und sogar schon mit sinnstiftenden Motto garniert. Apropos, in dieser Hinsicht muss ich gar nicht erst versuchen, mich auszutoben. Hinsichtlich Wortwitz und Sinngebung sollte in den anhängigen Kommentaren so relativ alles Vorhersehbare und Originelle ausgereizt wurden sein. Obwohl? Nein, ich lass es mal lieber.

In diesem Sinne - nimm dies, Jesus-Toast!

Donnerstag, 17. November 2011

Frisch gelesene Bücher: Montenegro

Zugegeben, eigentlich hätte hier bezüglich Montenegro schon seit längerem so etwas wie “Frisch entdeckt” oder “Frisch erlebt” stehen sollen, doch die versprochene, ausführliche Länderrezension muss noch warten. Dies hat nur zum Teil mit dem Umstand zu tun, dass der mitgereiste Fotokommissar seit eben jenem Balkanausflug in heimischen Gefilden nicht mehr gesehen wurde. Vielmehr spürte ich beim Versuch der Niederschrift wie schwierig diese werden würde. So klein Montenegro auch ist, es fällt schwer ein ganzes Land angemessen zu charakterisieren. Insbesondere wenn es ein derart vielfältiges und reizvolles wie Montenegro ist.

Außerdem, so groß- und einzigartig Menschen, Klima, Natur, Essen und Grundstimmung in den schwarzen Bergen auch ist, so bleibt es dennoch “nur” Bestandteil jenes untergegangenen Gesamtkunstwerks namens Jugoslawien. Eine Komposition, dessen leidenschaftlicher Anhänger ich immer stärker zu werden drohe. Daher kann ein wenig untermauernde Lektüre nicht schaden. Dem interessierten und informationshungrigen Jugoslawienbegeisterten wird dabei jedoch recht schnell bewusst, dass seine Gier gar nicht so leicht wie erwartet gestillt werden kann. Abhandlungen über Tito, Österreich-Ungarn, den Dritten Weg oder einfach nur Jugoslawien sind entweder hoffnungslos veraltet, von zweifelhaften Ursprung oder schlicht noch nicht geschrieben (besserwissende Tipps nehme ich dankend entgegen!). So greift der verzweifelte Jugoslawienschüler auch mal zu Büchern, die er sonst eher verschmäht hätte. Bücher mit dem Untertitel “Eine Familiensaga im Jahrhundert der Konflikte” gehören sonst eher zu der Kategorie welche ich schaudernd in der Bahnhofsbuchhandlung vergilben lasse.

montenegro

Doch auch wenn ich mich auf den ersten Seiten bestätigt fühlte, stellte es sich keineswegs als völliger Missgriff heraus. Schwierigkeiten machte mir zu Beginn einerseits die Unentschlossenheit des Genres – das Springen zwischen historisch-politischem Kontext und persönlichen Erinnerungen mag zwar seinen Reiz haben und in gewissen Fällen sogar einen vorzüglichen Blick auf Vergangenes ermöglichen, jedoch nicht wenn der Faktenteil arg verkürzt ist und die persönlichen Momente allzu oft einen übermäßig konstruierten Eindruck machten. Wenn sich bspw. in den persönlichen Erinnerungen eines Kindes ständig wie gestanzt wirkende, pathetische Erklärungen und Ausrufe anderer häufen, dann ist man zwar anfangs versucht es auf die inbrünstige Rhetorik des Balkans zu schieben, winkt aber beizeiten nur noch ab. Ähnliches gilt für andere Einschätzungen seiner Umwelt, ob privater wie öffentlicher Natur. Die verdrehte Überhöhung beider Faktoren wird am deutlichsten an der Beschreibung seines Vaters nach dem dessen Mutter verstorben war.

Es war das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen sah. Es war sicher sein italienisches Erbe, das da durchbrach, denn montenegrinische Männer weinen nicht.

Und dennoch. Dennoch war dieses Buch keine Zeitverschwendung. Schließlich bot es bei aller Verkürztheit und merkwürdiger Ansichten einen interessanten Einblick in dieses Jahrhundert - aus jugoslawischer Perspektive. Der Titel ist an sich eine verlegerische Frechheit. Auch wenn der Autor offensichtlich überzeugter Montenegriner ist, so ist er doch in erster Linie selbsterklärter Jugoslawe. Der englische Titel lautet “Life and Death in the Balkans” – etwas reißerisch aber eher zutreffend.

Zwar beschäftigt sich das Buch überwiegend mit der Zeit des Partisanenkampfs, die interessanteren Details fanden sich für meinen Geschmack jedoch in den Abschnitten vor und nach dem glorreichen Widerstand der Tito-Partisanen gegen die Besatzer (wobei auch hier zum Teil offen angesprochen wird wie schmutzig dieser Krieg und wie wichtig die Unterstützung der Briten war!). So füllte ich Wissenslücken über Montenegros Rolle im Ersten Weltkrieg, verstand mehr was die Bedeutung des Königreichs Jugoslawien war und vertiefte nochmals die Bedeutung der Amselfeldschlacht und des Kosovo-Dilemmas.

So richtig interessant wurde es für mich aber erst nach der Befreiung. Der unabhängige und selbstständige Werdegang Jugoslawiens, respektive der Bruch Titos mit Stalin wird heute von vielen anerkennend oder gar wohlwollend goutiert. Erst durch diese Lektüre wurde mir vollauf bewusst gegen welche enormen Widerstände Marschall Tito diese, seine Entscheidung durchsetzte. Schließlich hatten große Teile der Partisanenbewegung nur im Vertrauen auf die Sowjetunion und ihren allwissenden Anführer Stalin Widerstand geleistet. Die Bedeutung, die der einzige sozialistische Staat für das Selbstverständnis und dien Antrieb der Partisanen hatte, kann nicht hoch genug bewertet werden. Folgerichtig wurde auch in der Anfangszeit der jugoslawische Staat fast deckungsgleich zum sowjetischen angelegt. Daher waren nach dem Bruch viele jugoslawischen Genossen überaus verwirrt und hofften inständig, dass sich der Streit bald wieder legen würde. Dies tat er aber bekanntlich nicht.

Ansonsten handelt Tomasevic die Nachkriegszeit erstaunlich knapp ab. Außer der überraschenden Episode, dass er als Dolmetscher den Absturz der Unglücksmaschine, welche 1958 mit der Manchester United abstürzte, überlebte, erfahren wir denkbar wenig über die Zeit in der der Vielvölkerstaat “funktionierte”. Möglicherweise ist dies aber auch ein unbewusster Indikator für das temporäre Gelingen des Projekts Jugoslawien. Was gibt es zu erzählen über ruhige, vergleichsweise harmonische Zeiten?

Seine Beschreibung des Zerfalls Jugoslawiens lassen abermals aufmerken. Aus seiner Sicht ist der Zusammenbruch ein von kleinen, aber immer mächtiger werdenden Cliquen inszenierter Akt, der niemals die breite Zustimmung der Massen hatte. Bis zuletzt versucht Tomasevic mit einem in letzter Minute gegründeten gesamtjugoslawischen Fernsehsender Vernunft und Einheit gegen den aufbrandenden, irrationalen Nationalismus zu wirken. Doch wie wir wissen, konnte er den Trend der Zeit nicht aufhalten. Jugoslawien zersplitterte blutig und beruhigte sich nur langsam. Dank diesem Buch verstehe ich wieder etwas mehr, versinke in novembriger Traurigkeit ob der vergebenen Möglichkeiten und träume vom nächsten Ausflug nach Jugoslawien.

Fazit: Eher Speziallektüre für den unstillbaren Jugo-Wissenshunger. Die nicht ganz so stark Infizierten können das Buch aber bei Gelegenheit gerne von mir ausleihen.

Mittwoch, 16. November 2011

Googles neue Kleider

Da ich hier seit geraumer Zeit als überregionaler Vor- und Nachteilsprüfer fungiere sollten meine Informationspflichten auch einen gewissen Servicecharakter nicht entbehren. Und wenn die Rede von Vor- und Nachteilen ist drängt sich Tante Google ja nun nachgerade auf. Und man der alten Datenkrake ja nun einiges vorwerfen aber sie ist alles andere als träge. Innovativ und sich ständig neu erfindet pingt sie sich durchs Netz. Der aaufmerksame netizen entgehen zwar ihre auffälligsten Sprünge keineswegs, doch das kann man bei der groben Masse an mailcheckern, facebookgamern und Internetausdruckern ja nicht erwarten. Deshalb hier die jüngsten Veränderungen, die, wie ich finde von Belang sind.

Ich weiß nicht inwieweit euch bewusst ist, dass wenn ihr euch zuhause mit einem WLAN-fähigen Router ins Netz einwählt, Google diese Hotspots zur alternativen Standortbestimmung mobile Endgeräte nutzt die mit Android laufen. Diese ist recht passabel und kann sich, zumindest in urbanen Regionen durchaaus mit GPS messen. Wenn man das nicht möchte (und Gründe dagegen gibt es dann doch ein paar!) so hat die GröSaZ nun ein recht einfaches Mittel herausgerückt. Man gehe einfach in das Benutzerinterface o. ä. seines Routers und ändere die SSID (sprich: den Namen des Netzes). Durch die simple Ergänzung des bestehenden Namens durch "_nomap" wird Google signalisiert, dass man nicht aufgenommen werden möchte und aus die Maus. Hier noch eine detailliertere Anleitung.

Eine andere Veränderung betrifft das Stammgesschäft der emsigen Webbolde aus Mountain View - die gute alte Internetsuche. Wer wie ich, ein treuer Freund der +/-Operatoren war, wird sich in letzter Zeit ab und an etwas verwundert die Augen gerieben haben. Die derart eingegebenen Suchparameter verwandelten sich mir nichts dir nichts zu Parametern ohne jene wundervoll eingrenzenden Variablen. Der Grund? Sie wurden einfach so in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgeschafft. Ersatz soll zwar kommen, doch die Ankündigung von jenem wirkt zumindest auf mich leicht verwirrend und ist zunächst sowieso nur für google.com vorgesehen. Schade dies, aber nichts ist von Bestand. Und so summen wir still zum Abschied das alleine Mantra: "Denn alles was entsteht, ist wert dass es zu Google geht."

 

Dienstag, 15. November 2011

loco motivus

Bisweilen ist es ja so, dass man auf Bilder stößt, die einen tief beeindrucken. Zu dieser Art unablässiger Faszination ist nicht nur das Internet in der Lage, doch in diesem Falle fand ich genau in dessen informativen Strudeln jenes Bild, welches mich innehalten ließ. Um was es geht?! Die aufrüttelnd erregenden Abbilder eines Schienenzeppelins.

schienenlok

Angesichts dieses Monstrums schluckt man dann doch erstmal. Was auf den ersten Blick nach einer überaus abgefahrenen Idee klingt, welche der SF der 30er Jahre entsprungen scheint, offenbart sich bei genaueren Hinsehen leider als eindeutiges Sackgleis der Eisenbahnevolution. Zwar war der Schienenzeppelin in Sachen Geschwindigkeit Klassenprimus - am 21. Juni 1931 bewältigte es die Stecke Hamburg-Berlin in 98 Minuten und erstellte dabei einen Geschwindigkeitsrekord von 230,2 km/h, der 24 Jahre lang Bestand hatte (Hallo, Deutsche Bahn, dochdoch, sowas ist keine Schienenfantasy!) – jedoch war es mit einigen gewaltigen Nachteilen ausgestattet, die eine Weiterentwicklung dieses Konzepts abwegig erscheinen ließen. Das zusätzliche Anhängen von Waggons war nicht möglich, die hohe Geschwindigkeit erschwerte es, ihn sinnvoll auf Strecken einzusetzen, außerdem benötigte er bei Rangierfahrten einen von Batterien gespeisten Hilfsantrieb und zu guter Letzt waren Rückwärtsfahrten mit dem Festpropeller gänzlich unmöglich.

Eine ganz schön anstrengende Diva demnach, aber schon ein außergewöhnlicher Blickfang möchte ich meinen. Daher erschütterte mich das Schicksal dieses verehrungswürdigen Unikats umso mehr. Anscheinend wurde es Ende der 30er im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Berlin-Tempelhof (!) abgestellt um wenig später aus Platzgründen verschrottet zu werden. Man brauchte dringend Platz für so etwas Profanes wie Kohlewagen und Reisezug-Lokomotiven und entschied, dass der Schienenzeppelin zu verrottet für eine Museumskarriere wäre. Pah! Dass die Lokomotive nach wenigen Jahren derart verrottet sein soll, erscheint mir dann doch eher zweifelhaft. Da sollte doch ausreichend Raum für eine manierliche Verschwörungstheorie sein, wie mir scheint.   

Mittwoch, 9. November 2011

Anspruch und Wirklichkeit

Schon häufiger habe ich die Veröffentlichungen von englishrussia.com hier hervorgehoben. Noch immer, wenn dieses irrsinnig aufregende Internet mal an Spannkraft nachlässt, kann man hier etwas finden, was den nervösen Mausfinger etwas innehalten lässt. Ob verrottete Industrieanlagen, sowjetische Autowerbung, wie ein MiG-29 zusammengesetzt wird und vieles mehr. Ernsthafte, bizarre, witzige und randständige Themen finden sich hier. Alles zumeist mit leider sehr kurzen Erklärungen. Sehr oft sprechen die Bilder auch einfach für sich.

So auch beim Thema столовая (Stolowaja) – die hier veröffentlichten Bilder ließen mich einfach nicht los und nötigten mich zu einer Extra-Würdigung dieser ehrbaren Einrichtung. Prinzipiell kann столовая wohl am ehesten mit Kantine übersetzt werden. Als ich Russland entdeckte hatte noch jede staatliche Einrichtung, ob Institut, Bahnausbesserungswerk oder Gericht einen Raum der für die Verköstigung seiner Mitarbeiter angelegt war. Ich nahm damals etliche dieser Lokalitäten mit und war im etablissementarmen Russland der 90er dankbar für derlei Oasen. Die Bärbeißigkeit der Bedienungen bei trüben, flackernden Neonlicht, dazu lauwarmes, fades Essen mit dem besten Roggenbrot der Welt – schwer zu erklären, aber es hatte seinen Charme. In jeder russischen Stadt, die ich zu Entdecken wagte, suchte ich immer zuerst nach der hiesigen столовая.

Angesichts dieser Erinnerungen sind die hier abgebildeten Fotos für mich natürlich in jeder Hinsicht ein Leckerbissen. Am schönsten fand ich aber die Gegenüberstellung von Anspruch und Wirklichkeit.

stolowaja1

Zweifellos keine große Sache. Schließlich preist auch der Kapitalismus sein Essen mit Fotos aus, die niemals so auf unseren Tellern landen, doch diese Art von Widerspruch wie sie der Realsozialismus erschuf, gefällt dann doch immer wieder. In diesem Sinne – nachträglich noch Glückwünsche zum 94.

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Montag, 7. November 2011

Frisch gelesene Bücher: Es ist was faul

Erst nachdem ich beruhigt registriert hatte, dass Nachschub in Form einer neuen Reihe ( siehe: Eddie-Russett-Romane) in Aussicht stand, wagte ich mich innerlich frohlockend, an einen der extra vom Munde abgesparten Teile der hier bereits hochgelobten Reihe um die Litagentin Thursday Next. Und erneut wurde ich nicht enttäuscht.

fforde4

Ich ziehe meinen noch nicht vorhandenen, jedoch dringend erwünschten Hut vor dem walisischen Großmeister. Auch wenn ich dieses Mal irgendwie das Gefühl hatte, dass es ein bisschen zuviel der querschießenden, fanatsieüberschäumenden Elemente waren: Neandertaler, Untote, Genichtungen, Hamlets Konfliktberatungen und jede Menge Krocketphilosophie klingen zwar nach dem gewohnten prächtigen Ideenfeuerwerk, doch manchmal, und ich betone wirklich nur manchmal erscheint es ein wenig des Guten zuviel. Aber das kann selbstverständlich auch stimmungsabhängig sein.

Eines habe ich nach dem Genuss von “Es ist was faul” begriffen: Die Beschäftigung mit dem bizarren Regelwerk des Kricketspiels sowie das Erleben eines Spiels gehört auf die vorderen Plätze meiner Agenda. Ein weiteres Mal steht dieses merkwürdige Spiel im Zentrum eines von mir verehrten Buchs. Zeit wird es, den Reizen desselbigen auf den Grund zu gehen.

Fazit:  Muss ich noch was sagen?! Nach dem vierten Band leg ich mich einfach mal fest  Fforde steht für die Art von absurd-intelligenter Literatur, die kaum Wünsche offenlässt. Möge sein Leben lang und von imponierender Schaffenskraft begleitet sein. 

Mittwoch, 2. November 2011

… you’re not in Europe here!

“Please go inside and eat, you’re not in Europe here!”

Ich erhielt diese irritierende Information vergangenen Freitag als ich in der Halbzeitpause eine stärkende Leckerei erwarb, welche zum Anpfiff noch nicht ganz vertilgt war. Da die zweite Halbzeit schon lief, stellte ich mich folgsam vor das Etablissement, mit dem zu diesem Zeitpunkt wichtigsten Fernsehgerät des Universums und lugte aufmerksam durch die Scheiben. Nun kam der Kellner des bewussten Lokals mit seiner folgenschweren Aufforderung hinzu. Freudig kam ich seiner Aufforderung nach und trippelte fröhlich mampfend zu der kleinen Gruppe, welche im Inneren der Kneipe gebannt das Spiel verfolgte. Das Spiel war ergebnisbedingt schnell vergessen, der Ausspruch des Kellners nicht. Schließlich waren wir weder jenseits von Bosporus oder Ural sondern “nur” in Belgrad.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich für meinen Teil bin schwer begeistert von der Perle zwischen Save und Donau. Doch da ich schon überraschend oft in meinem kurzen Leben Zeuge der Folgen eines Hypes um interessante, unverbrauchte (und vor allem preiswerte) Städte war, werde ich mich hüten hier die große Werbekeule zu schwingen, sondern mich vielmehr auf die Nachteile und Unannehmlichkeiten Belgrads konzentrieren. Denn einerseits habe ich mich mit diesem Gedankenspiel schon vor Ort versucht zu beruhigen und andererseits bin ich es dem Motto dieses Blogs sowieso schuldig.

Kommen wir also zurück zur einleitenden Aussage. Krude Informationen dieser Art war ich prinzipiell schon aus anderen Gegenden, die die Schulbuchgeografie (bzw. heute die Arbeitsblätter der Erdkunde-Lernbüros, würg!) Europa zuordnet, gewöhnt. Der Hauptprotagonist für diese Vorstellung war bislang für mich immer Russland gewesen. Der Kern der dieser Szenerie innewohnt ist schlicht folgender: Die sterile Streberwelt mit ihren hochtechnologisierten Wohlstandserfolgen mag zwar ganz nett sein, doch ist sie nichts gegen die kernige und gesunde Kultur echter, unverdorbener Menschen wie sie sich aufgrund des ausgebliebenen Kontakts mit Konsumkinkerlitzchen und Reizüberflutung in Russland erhalten hat. Daher ist der Russe per se originell, spontan und ein improvisierender Überlebensgott, welcher über den Europäer nur spöttisch lächelt, da er dessen Kultiviertheit und nur als Zeichen seiner emotionalen Verkümmertheit wahrnimmt und ihnen die Fähigkeit zum auf sich allein gestellten Handeln sowieso abspricht. Diese Sicht der Dinge findet sich also, wenig überraschend, in Belgrad. Offensichtlich ist das panslawische Band hier noch intakt. Ob man es als Komplex, natürliche Schutzwahrnehmung oder als schlichte Wahrheit betrachtet, diesbezüglich gibt es zwischen Russen und Belgradern offenbar Parallelen. Es ist diese Art von trotzigem Selbstbewusstsein, welches zwar auf den ersten Blick ganz charmant erscheinen mag, dennoch aber auch die Keimzelle für eher unappetitliche Geistesströmungen sein kann.

Denn obwohl wir innerhalb einer Woche eingehender Belgradstudien nicht über die Fallstricke des Nationalismus stolperten, in keine Sickergrube der Homophobie direkt hineinlinsten und jegliche xenophobischen Wetterlagen umgehen konnten – es liegt unzweifelhaft in der Luft. Vorurteilsbedingte Abwehrmechanismen warten lauernd auf ihren Einsatz. Vieles scheint möglich und wenig ist klar. Belgrad, auch wenn es sich den Eindruck einer politisch desinteressierten, dafür aber exzessiv feiernden, Partymetropole geben will, ist traumatisiert vom Regen europäischer Bomben und scheint nicht wirklich zu wissen, wohin es will. Gegenwärtig verlegt man sich also auf abwartendes Schmollen ggf. mit sexy Outlaw-Bonus. Das wirkt verlockend und kann Spaß machen. Jedenfalls für den Augenblick. Wohin die Reise geht, muss sich definitiv aber demnächst zeigen. Ich hätte Lust dabei zu sein, doch ich bin sicher das geht nicht jedem meiner Leser so. Daher dieses ausführliche Psychogramm in der Nachteilsliste.

Ein weiterer, eher offensichtlicher Nachteil ist der öffentliche Nahverkehr. Hier handelt es sich um nichts Geringeres als eine zum Himmel schreiende Katastrophe. Jahre des untätigen Abwartens in Sachen Infrastrukturupdates, Bombardierungen und Explosion der Autoanzahl führen zu einer schier unerträglichen Situation, die viel Geduld erfordert. Eine funktionierende Metro (in Arbeit) und ein paar Fahrradwege wären hier die richtige Medizin. Was gibt’s noch an Negativem? Mit Sprache muss ich sicherlich nicht kommen, schließlich haben Prag, Krakau und Budapest bewiesen, dass dies kein Hindernis ist. Das Alkoholverkaufsverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr ist mit Sicherheit nichts Positives, doch wie jedes Verbot umgeh- und aushebelbar. Zum Dahinsiechen der Fußballkultur wurde sich andernorts schon ausgelassen und das Debakel des serbischen Pfandsystems ist wohl ein eigener Artikel wert.

Und mehr fällt mir dann wirklich nicht ein (abgesehen davon dass Freunde und Familie ein Stückchen weiter weg wohnen würden) und das ist beachtlich, da ich mich als weitgereisten Menschen mittlerweile immun gegen solcherart Anwandlungen gefühlt hatte. Schließlich waren doch, so schön es in der Fremde war, daheim immer die größere Anzahl an Vorteilen versammelt. Was hat Belgrad also, dass es dieses Mal ein anderes Gefühl war? Ich habe keine Ahnung, aber ich werde dem auf den Grund gehen. So bald wie möglich!